WG statt Gefängniszelle

11. Februar 2005, 15:15
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Im Welser Wohnprojekt "WeGe" werden Häftlinge auf "draußen" vorbereitet - Ausbau aus Kostengründen gescheitert

Wels - Andreas sitzt am Tisch der kleinen Gemeinschaftsküche und zieht genüsslich an der selbst gedrehten Zigarette. Sein Blick schweift dabei aus dem Fenster hinaus auf die an diesem Morgen tief verschneite Landschaft. Noch vor gut einem halben Jahr war dieser Fensterblick getrübt durch massive Gitterstäbe.

"Ich hab halt ein paar blöde Sachen gemacht. Eh nichts Grobes, ein paar Mal bin ich wo eingestiegen", erzählt Andreas im Gespräch mit dem STANDARD. Jetzt hat der 18-Jährige den festen Willen "neu zu beginnen und alles ganz anders zu machen". Unterstützung bei diesem Versuch bietet die "WeGe", eine spezielle Wohngemeinschaft für Haftentlassene in Wels in Oberösterreich.

Angst vor der Freiheit

Von einem Sozialarbeiterteam und einer Hand voll Ehrenamtlichen werden dort 28 Häftlinge - bedingt Entlassene und solche, die die volle Strafe bereits abgesessen haben - rund um die Uhr betreut. "Kontakte zu unseren künftigen Bewohnern gibt es bereits im Gefängnis. Dort lernen wir unser Klientel kennen und sie wissen umgekehrt, dass sie nach der Haft ein Auffangnetz haben", erzählt WG-Leiter Gottfried Boubenicek.

"Ich hatte wirklich Angst vor der Freiheit". Der Häfen bleibt dir lebenslang in den Knochen, aber hier fühle ich mich sicher und kann mein Leben neu ordnen", erzählt Andreas während er eifrig an einer Einkaufsliste schreibt. Jeder hat hier seine Aufgaben, vom Kochen, Putzen bis hin zur Freizeitgestaltung. Daneben gilt es vor allem gemeinsam mit den Betreuern Bewerbungsschreiben zu verfassen und Altlasten wie etwa Schulden in den Griff zu bekommen. "Der Erfolg gibt uns seit Jahren recht. Natürlich haben wir auch Rückschläge, aber ein Großteil unserer Bewohner schafft den Wiedereinstieg", freut sich Boubenicek.

Auf großes Interesse ist bei der WeGe-Leitung vor allem der Vorschlag des Präsidenten des Oberlandesgerichtes Linz, Alois Jung, für so genannte Häftlings-WGs gestoßen (siehe unten). "Wir haben genauso ein Konzept für eine Häfen-WG bereits seit Längerem fix und fertig in der Schublade liegen. Leider sind wir damit beim Bundesministerium aus Kostengründen immer abgeblitzt", bedauert Boubenicek.

Überfüllte Zellen

"Man muss sich einfach bewusst sein, dass mehr bedingte Entlassungen oder Alternativstrafen mit entsprechender Begleitung sinnvoll sind, aber eben auch was kosten", so der WeGe-Leiter. Dank der rigorosen Sparmaßnahmen säßen zum Beispiel jetzt in vielen Haftanstalten vier Personen in Zweimann-Zellen.

"Da ist es doch mehr als sinnvoll., gerade straffällig gewordene junge Menschen anstelle einer bloßen Verwahrung in einer Wohngemeinschaft unter Einbindung der Anrainer optimal zu begleiten", fordert Boubnicek. Für Andreas scheint sich das WeGe-Konzept zu rechnen, wie sich am Tag des STANDARD-Lokalaugenscheins eindrucksvoll zeigt. Der Briefträger überbringt dem 18-Jährigen das Schreiben eines großen Möbelhauses: ". . . freuen uns auf die künftige Zusammenarbeit mit Ihnen . . ." (Markus Rohrhofer; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.2.2005)

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