Protest vorm Vorhang, der "direkt aus der Hölle" kam

2. November 2006, 19:01
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Im charmant-spröden 70er-Ambiente des Wiener Kongresshauses wurden aus 25 AnwärterInnen die zehn FinalistInnen ausgesiebt

Wien - Mit Politikernamen – insbesondere jenen von Regierungsmitgliedern - kann man beim Publikum punkten. Johlendes Gebrüll und Zwischenapplaus, wenn Wolfgang Schüssel, Elisabeth Gehrer oder Martin Bartenstein besungen werden – beobachtet bei der Vorausscheidung zum Protest Song Contest. So gesehen, also doch keine Lorbeeren für die Genannten.

Angestaubter Gewerkschafts-Charme

Dies sollten nicht die einzigen Erkenntnisse bleiben, die einem am letzten Jänner-Wochenende in der die Bezeichnung wirklich verdienenden Mehrzweckhalle des Wiener Kongresshauses vergönnt waren. Da wäre zum Beispiel jene, dass es seit den Siebzigern erhebliche Innovationsleistungen - auch - in der österreichischen Innenarchitektur gegeben hat. Und zum anderen, dass diese am angestaubten ÖGB-Gewerkschafts-Charme im Saal keinerlei Spuren hinterlassen haben: Brauntöne, holzverschalte Wände und eine riesige Bühne vor einem "dezent" gemusterten Vorhang, der "direkt aus der Hölle" zu kommen schien, wie Kollege Jürgen mir zuraunte.

Jury und Häuptling

Ideale Kulisse also für die Präsentation von 25 HalbfinalistInnen, die antraten ihre Wut herauszuschreien und ihrem Protest Gehör zu verschaffen. Je improvisierter und schräger die Performance, umso chancenreicher offenbar. Denn wer hier allzu professionell auftrat, wurde von der Jury oder deren Häuptling Fritz Ostermayer verhöhnt – vermutlich um Chancengleichheit herzustellen. Schlechte Karten daher für Power-Pop im "Ärzte"- oder "Wir sind Helden"-Style. Da konnte das sehr begeisterungsfähige Publikum wenig ausrichten. Letztentscheid blieb der Jury. Allzu daneben lag man dabei dieses Jahr allerdings auch nicht. Bis auf kleine – aber schmerzliche - Ausnahmen. Aber dazu später.

Vertreter des Hochmittelalters

Weitere glückliche Erkenntnis: Nicht nur George Bush und der Irak-Krieg können den Groll der Protest Song Contest-Teilnehmer auslösen, wie es bei nahezu 90% der Vorjahres-Teilnehmern der Fall gewesen ist. Nein auch österreichische Innen- und StudentInnenpolitik, das Infragestellen der Fristenlösung, die Bekleidungsindustrie, die Medien, Religion und die Reichen im Allgemeinen wurden beschimpft. Der Protest an Letzteren stammte von einer 9-köpfigen Truppe aus dem Umkreis der Obdachlosenzeitung "Augustin", die gerne ein "Stimmgewitter" gewesen wären und als Vertreter des Hochmittelalters mit einem Achtungsapplaus in die "Leider-Nicht"-Phase verabschiedet wurden.

Geflammte Boots und Omas Dirndl

Ein weites Themenspektrum wurde ausgepackt, wollte doch niemand mehr aus Gründen der Themenverfehlung den Weg ins Finale verpassen, wie es im Vorjahr fast "Christian & Michael" ergangen wäre. Auch sie selbst wollten Nummer sicher gehen und tauschten bei ihrem zweiten Antreten das Hauptstandbein Performance gegen mehr Text und "mehr" Outfit ein und schleuderten den Zuhörern nicht mehr ihre Wäsche, sondern Protest-Themen zum Kilopreis um die Ohren: Grasser-Homepage, Eurofighter, Dollfuss im Parlament,...
Und auch ihr Optisches stand unter dem Motto "Man soll zeigen was man hat": Der gekonnten Kombi aus schwarz-rot geflammten Boots und Omas Dirndl war an diesem Abend nichts ebenbürtig. Aber alles umsonst… – Protest also gegen das System des Contests! Nieder mit den Statuten, her mit den beiden Paradiesvögeln auf die Bretter des Rabenhofs! Sollen Sie uns am 12. Februar - außer Konkurrenz - das Warten auf die Endergebnisse mit einer "BestOf"-Performance versüßen!

Bittersüß eine der letzten Erkenntnisse des Abends: Wenn einer meinem "Gott" huldigt... - "Surfdog 7"s angenehm unaufdringliche, stillere Hommage an Rio Reiser - "König von Österreich" - schaffte es nicht ins Finale. Ein Bedauern das ich mit Martin Blumenau von FM4 teile. Ich denke, er trägt es mit mehr Fassung. (kafe)

Und wer sind nun die FinalistInnen? Alle Zehn in einer Anhör-Sache

Umfrage: Wer sind die Favoriten der UserInnen?

Wer waren die Vorausscheidungsteilnehmer 2005?



Von
Anne Katrin Feßler



FINALE
moderiert von Stermann & Grissemann


Rabenhof Theater
Sa., 12.2., 20 Uhr
3., Rabengasse 3
ausverkauft!
Live-Streaming auf UTV


Mit Vorjahres-Sieger "Georg Freizeit" im Rahmenprogramm

Final-Jury
  • Sweet Susie (Dub Club)

  • Andrea Dusl (Falter)

  • Doris Knecht (Profil)

  • Peter-Paul Skrepek (Gewerkschaft Kunst, Medien, Sport, freie Berufe)

  • Hansi Lang (Musiker)

  • Martin Blumenau (FM4)


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Link

"Protest Song Contest"
  • Platz 6 im Vorjahr: Abteilung Liedermaching aus Süddeutschland mit ihrem "Protestsong". KandidatInnen aus dem deutschen Nachbarland - insbesondere jene aus dem Süden - hatten es bei der diesjährigen Vorausscheidung besonders schwer. Bei bayrischem (aber auch tiroler) Akzent zuckte die Jury vollends aus...
    foto: katrin fessler

    Platz 6 im Vorjahr: Abteilung Liedermaching aus Süddeutschland mit ihrem "Protestsong".

    KandidatInnen aus dem deutschen Nachbarland - insbesondere jene aus dem Süden - hatten es bei der diesjährigen Vorausscheidung besonders schwer. Bei bayrischem (aber auch tiroler) Akzent zuckte die Jury vollends aus...

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