Befindlichkeitsprosa mit Weltblick: Hader liest Phettberg

7. Februar 2005, 09:52
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Lesung aus Phettbergs dreibändiger Gesamtausgabe "Hundert Hennen" im Akademietheater

Wien - Soll man dem Lieblingsblatt des sich aufgeklärt wähnenden Wien-Benützers jetzt also dankbar oder böse sein? Immerhin ist es der Falter, der seit Jahr und Woche den "Predigtdienst"-Ergüssen Hermes Phettbergs Raum gibt, somit diese erbaulichen Textblüten des Gumpendorfer Undergrounds vor der Versumpfung bewahrt.

Immerhin ist es freilich auch jene Stadtzeitung, die diese Satzakkumulate mit beamtlicher Sorgfalt in auf homöopathische Dosierung hin konzipierte Prokrustesbetten zwingt, ihnen damit gröblichste Gewalt antut - was zwar ihrem Urheber, nicht aber unbedingt dem Text selbst, geschweige denn der dergestalt bevormundeten, nur ausschnitthaft beglückten LeserInnenschaft Vergnügen bereiten dürfte.

Denn die Predigtdienste, das sind keine exakt portionierten Wortkonstrukte, vielmehr wilde, assoziative Textwucherungen, rhapsodische Reflexionsorgien, die kein Maß kennen außer jenem, das sie selbst sich spontan suchen. Der Inhalt bestimmt die Form, nicht umgekehrt, wie das im gefristeten Kolumnendasein suggeriert wird. Und wie das anlässlich der Präsentation von "Hundert Hennen", der dreibändigen Gesamtausgabe von Phettbergs "Predigtdiensten" im Akademietheater am Samstag vor Augen geführt wurde.

Eher halblustig wirkte die hinter Vorhang gezeigte Introduktion, bei der ein nackter Phettberg seinen Rücken von Stockschlägen liebkosen ließ, das Falter-aktuelle Textelaborat (in vollständiger Fassung) nuschelnd. Eher schlampig vorbereitet wirkte Josef Hader in seiner Rolle als Phettberg-Rezitator - um dennoch den Beleg zu erbringen, dass seine Leseobjekte auch abgelöst vom Gumpendorfer Gesamtkunstwerk Substanz haben und also "funktionieren".

Die Schreibe des Hermes Phettberg, das ist gnadenlose Befindlichkeitsprosa, die ihre tragische Egozentrik immer wieder unerwartet weltblickend durchbricht und so - trotz manch leerem Zeilenkilometer - neue Ausblicke und Einsichten eröffnet. Und die natürlich auch schlicht anrührt in der radikalen Schonungslosigkeit der Schilderung der eigenen Existenz, in der Sprachwitz und Wortgewalt nicht verhindern können, dass einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt.

"Wäre gerne eines jungen tyrannischen Herren alter inkontinenter Hund", vernimmt man da einen typischen Phettberg-Satz, dessen vordergründige Ironie nur schwach die individuelle Isolationserfahrung kaschiert. Stumpfwinkelige Melonenzwickel fluten in den schier endlosen Textwogen ebenso vorbei wie philosophische Betrachtungen über die sexuelle Adäquatheit von Spannteppichen, auf deren einem sich Claudia Schiffer und Jon Bon Jovi balgen, ehe "jählings die Kreislaufgefäße schockfrosten".

Über Politiker einer bestimmten Partei wird räsoniert: "Je mehr Widerstand ihnen geleistet wird, desto zu viel wird ihnen geleistet, desto mehr entdecken sie sich." Ja, diesen Mann, diese Literatur braucht das Land. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7.2.2005)

Von
Andreas Felber
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