Sehnsucht nach Haushalt

7. Februar 2005, 08:04
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Ihre erste Chance hat die Theatergruppe iffland & söhne mit "Der Held der Frauen" am Wiener Schauspielhaus vergeben

Ihre erste Chance hat die Theatergruppe iffland & söhne mit Matthias Wittekindts "Der Held der Frauen" am Wiener Schauspielhaus vergeben. Eine zweite gibt's am Donnerstag. 


Wien - Der aus Bonn gebürtige Autor Matthias Wittekindt lenkt mit dem Gedanken an eine größtmöglich anzunehmende Perversion den Blick auf das Allernormalste von der Welt: Eine Frau bereitet einem Mann die Jause.

Das Tragische in diesem zu einer Trilogie von Familiendramen gehörenden Stück "Der Held der Frauen" ist aber, dass diese Brotzeit nicht echt, sondern teuer erkauft ist: Ein niemals auftretender Mann (der polnischen Regierungsspitze) verschafft sich über Mittelsmann und Agentur zwei Damen aus Deutschland zum Zweck dieser Jausen-Zubereitung. Der Hungrige ist Auftraggeber, die Köchinnen sind Callgirls. Das ist traurig.

Wittekindt beklagt also den Verlust der Familie als Basis für ein funktionierendes, sich aus vertrauten Winzigkeiten des Zusammenseins nährendes Alltagsleben, wie zum Beispiel ein Wohnzimmerbäumchen pflanzen, sich den blutenden Daumen verarzten, bei Billa einkaufen. All das haben Thomas und Anja. Anja ist Callgirl. Boing!

In der kritischen Selbstbespiegelung, im kunstvoll immanenten Infragestellen des einen wie des anderen Lebens liegt die Raffinesse dieses schnellen, pointenreichen Textes. Regisseurin Anna-Maria Krassnigg hat versucht, ihn bei seiner puren Künstlichkeit zu packen. Sie baut die Komplizenschaft zwischen Regieanweisung und Rollentext bewusst aus; der Autor thront am Theaterjuchhe des Wiener Schauspielhauses und liest über Mikrofon seine eigenen Angaben ins Bühnengeschehen hinunter! Vor lauter Künstlichkeit und Styling der Figuren wie der Situationen vergisst Krassnigg (Theatergruppe iffland & söhne) aber die wahren Figuren dahinter. Sie gibt keiner die Chance, sich zu zeigen, sondern schickt leere (Comic-) Gestalten in einen (eineinhalbstündigen) Dauerlauf.

Es folgt ein nie ganz fades Spiel der Oberflächen und Schemen, ein schön geschmückter Leerlauf, der die erotisierte Grundstimmung des Stücks auszureizen versteht.

Knöcheleinsatz

Nina Gabriel (Anja) und Katrin Stuflesser (Anita) sind die Calamity Janes der von West nach Ost importierten käuflichen Lust. Mit Sportsgeist und Pistole im Halfter verdrehen sie für ihre affektierten Posen alle Knöchel, die Beine eben aufzuweisen haben. Anja lässt ihren Couchpotatoe Thomas (Hakon Hirzenberger) im deutschen Wohnzimmer (Bühnenvordergrund) zurück. Von dort aus beobachtet dieser - Prinzip "Mauerschauer", allerdings mit telepathischen Fähigkeiten - mit blutendem Daumen das stilisierte Treiben in Polen wie seine Krimis (er ist Polizist) am Fernsehschirm.

Margot Hruby ist die Agentin/Zuhälterin mit Bodenhaftung (eventuell bayerisch). Frau Dr. Reger, die Koordinatorin vor Ort, eine hormonell überfällige Zicke mit Angst vor Flusen, legt in Anbetracht ihres lüstern verfolgten Herrn von Tannenberg (Johannes Maile) einen vorteilhaften hawaiischen Balztanz hin. Horst Schily schließlich gibt den nicht minder lustigen, aber teuflischen Mittelsmann in "feurigem Marienkäferrot". Er spielt auch die Hauptrolle im zweiten Wittekindt-Stück, "Freigang", das im Schauspielhaus ab Donnerstag zu sehen ist. Daran hängen jetzt alle Hoffnungen, die man bisher in iffland & söhne gesetzt hat. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7.2.2005)

Von
Margarete Affenzeller

Links

ifflandundsoehne.com

Schauspielhaus

  • Artikelbild
    foto: schauspielhaus
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