Speerwerfer und die Anmut des Balletts

14. Februar 2005, 21:17
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Filmfestival von Rotterdam: Ein unbekannter Meisterregisseur des japanischen B-Movie und poetisch-düstere Exkursionen in die Welt der Kindheit

Ein unbekannter Meisterregisseur des japanischen B-Movie und poetisch-düstere Exkursionen in die Welt der Kindheit: (Wieder-)Entdeckungen beim 34. Filmfestival von Rotterdam.


Rotterdam Global Village: Zehn Tage lang und in nicht weniger als 24 Kinosälen lieferte das niederländische Filmfestival, das am Sonntag zu Ende ging, wieder eine üppige Auswahl an aktuellen Produktionen. Die neue Direktorin Sandra den Hamer blieb dem Konzept der Vielfalt eines minoritären Kinos treu und verteilte das Programm in veränderten Schienen. Was nicht unbedingt die Übersicht erleichterte: In der Asienreihe "S.E.A. Eyes" schien heuer etwa Quantität über Qualität zu dominieren.

Vom pseudotransgressiven Video-Trash des Philippinen Khavn De La Cruz, der in "The Familiy That Eats Soil" die Obsessionen einer dysfunktionalen Familie zelebrierte, über unentschiedenes japanischen Independent-Kino um einen lebensmüden Twen ("A Blue Automobile") bis zu einem knallbunten, durchdesignten Episodenfilm wie "Survive Style 5+" (Regie: Sekiguchi Gen), der seine Pointen überstrapazierte: Immer mehr überwog der Eindruck, dass die Idiosynkrasien dieses Kinos auch einen gewissen Mangel an Realitätssinn verdecken.

Wie es anders geht, demonstrierte ein historisches Beispiel: der im Westen beinahe unbekannte Japaner Tomu Uchida, der in den 50er- und 60er-Jahren, im Schatten großer Meister wie Yasujiro Ozu oder Kenji Mizoguchi, eindrucksvolle B-Studiofilme drehte, die nicht nur eine klare Handschrift, sondern auch eine politische Haltung aufscheinen ließen. Seine liberalen Auffassungen erschwerten Uchida das Arbeiten in der von rigiden Moralvorstellungen bestimmten japanischen Nachkriegsgesellschaft.

Fragwürdige Ethik

Das hielt ihn nicht davon ab, in Samuraifilmen wie "The Master Spearman" oder "A Bloody Spear at Mt Fuji" den überzogenen Ehrenkodex der Krieger zu persiflieren und das streng hierarchisierte Klassensystem infrage zu stellen. In Ersterem zieht ein Samurai das Leben auf dem Land dem rituellen Selbstmord vor und lässt die Landesgeschichte genüsslich an sich vorüberziehen; und Zweiterer, über weite Strecken eine alkoholselige Groteske, kehrt die Verhältnisse zwischen Herr und Diener überhaupt gänzlich um.

In seinem Opus magnum, "A Fugitive from the Past", einem dreistündigen, auf Breitwand gedrehten Film noir, interessiert sich Uchida dann weniger für die Auflösung eines Verbrechens als für die sozialen Motive, die diesem zugrunde liegen. Die Schicksale eines Räubers, der sich später zum honorablen Bürger wandelt, und einer Prostituierten sind darin auf fatale Weise ineinander verkeilt; tosendes Meer bildet den Hintergrund für ein Melodram, in dem die Bilder, wie vom Blitz getroffen, mitunter in die Negativansicht wechseln.

Uchida war eine der großen Entdeckungen in Rotterdam, unter den neuen Filmen war "Innocence", der zweite Spielfilm von Lucile Hadzihalilovic, in Frankreich bereits mit viel Kritikerlob versehen, einer der eigenwilligsten Entwürfe. Lose basierend auf Frank Wedekinds Novelle Mine-Haha oder "Über die körperliche Erziehung der jungen Mädchen" breitet Hadzihalilovic eine märchenhaft stilisierte Internatswelt auf, in der kleine Mädchen in Särgen ankommen, um Jahre mit Ballettunterricht und anderen Exerzitien zu verbringen.

Es ist eine Welt der Verbote, deren disziplinarische Gewalt jedoch keinen Repräsentanten hat. Wie in M. Night Shyamalans "The Village" bleiben die Hintergründe diese Enklave mysteriös. Die Mädchen führen sich gegenseitig an der Hand, fügen sich ein in diese Ordnung, wobei "Innocence" fast durchgehend deren Perspektive annimmt und anhand mehrerer Figuren Fragen von Gehorsamkeit und Renitenz verhandelt.

Kindheit - und die damit verbundene Unschuld - gleicht in diesem Refugium jedenfalls keiner Phase der Unbeschwertheit, sondern ist ein Ort sublimer Ängste und eng gesetzter Grenzen, den Hadzihalilovic mit düsterem Sounddesign und einer gleitenden Kamera austastet. Der Ballettunterricht wird in "Innocence" zum Feld einer Biopolitik; hier lernen die Mädchen, sich in Anmut zu bewegen und ihren Körper als Kapital für die Zukunft zu sehen.

Ohne Nostalgie

Zurück an einen ganz anderen Ort der Kindheit führt Mercedes Alvarez' Dokumentarfilm "El cielo gira", der neben Daniele Gaglianones "Nemmeno il destino" und "Ilya Khrzhanovskys 4" mit einem der drei Tiger für Erst- und Zweitfilme prämiert wurde. Die Spanierin sucht das entlegene Dorf auf, in dem sie einst geboren wurde und wo heute nur noch alte Menschen leben - dabei setzt ihr intimer, gleich einem Tagebuch strukturierter Film ungewöhnliche Schwerpunkte.

Denn nicht die Nostalgie leitet ihn, vielmehr setzt Alvarez unterschiedliche Zeitkonzepte zueinander in Beziehung: Sie lässt sich ein auf die Gespräche der Bewohner, die ihrem Alter mit Witz begegnen, findet Spuren aus der Urzeit, und immer wieder drängt auch die Gegenwart herein. Parallel dazu entsteht dabei das Bild eines erblindenden Malers: eine schöne poetische Klammer für den Versuch, sich kurz vorm Verschwinden noch ein Bild zu sichern. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7.2.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh aus Rotterdam
  • Neuankömmling in einer märchenhaften Internatswelt: Lucile Hadzihalilovic lotet in ihrem Spielfilm "Innocence" kindliche Ängste aus.
    foto: festival

    Neuankömmling in einer märchenhaften Internatswelt: Lucile Hadzihalilovic lotet in ihrem Spielfilm "Innocence" kindliche Ängste aus.

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