Fra Lippo Lippi: "The Early Years"

4. Oktober 2005, 12:09
posten

"Vergessene Jahre" - Fra Lippo Lippi sind bekannt als Popband der späten 80er

Jahrelang war ich auf der Suche nach einer passablen Version von In Silence, dem 1981 aufgenommenen Album von Fra Lippo Lippi, das mir Ende der 80er ein Freund auf einer Kassette geschenkt hatte; eine Kopie der Kopie der Kopie-Version, auf der viele musikalische Einzelheiten schon lange verschwunden waren, ebenso wie die Namen der Musiker. Diese hatte sicherlich auch einen gewissen Zauber, denn “Amputationen” wie jene verliehen dem Album wahrscheinlich auch ein gewisses Prestige.

Vor einem Jahr, über 20 Jahre nach den Aufnahmen, sind die beiden ersten Alben der Norwegischen Band Fra Lippo Lippi erneut erschienen, In Silence ist nun erstmals auch auf CD erhältlich. Das kontinuierliche musikalische Schaffen des Bandgründers Rune Kristoffersen, dessen musikalischer Alleingang schon vor dem letzten Album der Band 1994 startete und sich unter dem Namen Monolight schwunghaft fortsetzte, verhalf diesem Wiederhören.

Rune Arkiv

1998 gründete Kristoffersen das Norwegische Label Rune Grammofon. Einer der ersten Tonträger widmete sich den wieder entdeckten elektro-akustischen Arbeiten des norwegischen Komponisten Arne Nordheim aus den 70er Jahren, ergänzt durch neubearbeitete Versionen von Biosphere und Deathprod. Seither kann das Label einen hochqualitativen Katalog aufweisen - die Palette reicht von Supersilent über Maja Ratkje (Ars Electronica 2003), von Information zu Alog, Phonophani, Archetti & Wiget, Scorch Trio, etc., sowie dem zweiten Album von Kristoffersens Monolight. Aus Rune Arkiv, einer Subdivision des Labels, sind nun auch die beiden Alben In Silence sowie Small Mercies (1983) erschienen, beide auf eine CD gepresst, genannt The Early Years.

Musikalische Stille

Ein zweites Leben beginnt nun für die von mir viele Jahre lang als ewig “dumpf” besiegelte In Silence. Doch auch trotz ihres digitalen Re-Masterings bleibt der Charme der “low price”-Produktion von 1981 erhalten. Die Restauration der amputierten Teile modifiziert keineswegs die einzigartige Atmosphäre ihrer Lieder. Auch der Titel bleibt angemessen: In Silence - das ist musikalische Stille.

Ebenso bleibt die Verwandtschaft mit damaligen einflussreichen cold-wave Bands wie Joy Division und The Cure (Seventeen Seconds, 1980, und Faith, 1981) bestehen, sowie der Bezug zu anderen Bands von Factory sowie dem damals startenden Label 4ad und seiner kurzlebigen Band Mass (Labour of Love, 1981).

Für viele damalige Musikstücke bildet ein Bass mit Chorus-Effekt und ein Schlagzeug den Rahmen, rund um den das minimalistische Spiel anderer Instrumente sowie eine Stimme angelagert und verbunden ist. In Silence hat jedoch auch ihre eigene „kleine Musik“; sie formt ihr eigenes kleines Territorium. Ein genaues Hören bläst die offensichtlichen Referenzen weg. In ihren singulären Songs, am anderen Ende der „Post-Punk“- Tendenzen, ist die eine Richtung nicht besser als die andere. Hier sind wir in einer Wüste und hören und sehen uns um. Die Melodien haben kaum Zeit sich zu entwickeln, sondern sie baumeln wie unbesonnene lineare Muster. Alles verschwindet und ist gleichzeitig da. Und wenn etwas eine bestimmte Gestalt annimmt, eine eigene Intention hat, lässt es uns nicht aus dieser einfachen Klanglandschaft ausbrechen. Es gibt keinen sichtbaren Ausgang. Die einzigen Grenzen sind die des Körpers der Zuhörenden; Out of the ruins, doch wie ein Inside Veil.

Auch kennt in den 80ern die „Kälte“ von In Silence kein Equivalent. Die eisige Musik von Joy Division sitzt trotz allem auf dem Boden der Revolte gegen (unsimulierte) Verzweiflung, während die der The Cure an Selbstzufriedenheit grenzt. Auch ruft Frau Lippo Lippi die aggressive Kälte von „Bauhaus“ oder die der theatralischen von Mass wach. Doch meiner Ansicht nach präsentiert In Silence eine davon losgelöste Position: Mehr als bloße Resignation, als der kalte Blick auf Dinge, wird sichtbar: eine Klarheit, die sich dem Tragischen entzieht; daher auch eine gewisse Fülle.

Small Mercies

Beim zweiten Album Small Mercies ergänzt das anfängliche Duo Rune Kristoffersen (Gitarre, Bass, Keyboard, Gesang) / Morten Sjøberg (Schlagzeug) der Sänger Per Øystein Sørensen, ein Piano nimmt anstelle von Bass und Schlagzeug den zentralen Platz ein. Diejenigen, die Fra Lippo Lippi aus den Mitte 80ern kennen, werden über das zweite Album weniger überrascht sein als von In Silence. Die acht Tracks sind dem späteren Pop-Sound um vieles näher. Melodien rücken in den Vordergrund und Keyboards spielen eine immer offensichtlichere Rolle. Auch die Strukturen sind vorhersagbar, da sie sich einem Radio-Standard mehr und mehr annähern.

Ein Teil der „Seltsamkeit“ von In Silence rührt daher, dass sich eine schon verwendete Sprache mit einer originellen Dosierung von neuen „Worten“ trifft. Sie klingt gleichzeitig bekannt und singulär. Bei Small Mercies hingegen sind wir mehr in einem Register des Déjà Vu. Durch die Melodien kommen die Lieder geradewegs zum Ziel und erschöpfen sich manchmal leider an jenen selbst. Ästhetik und wahrscheinlich auch das zentrale Rückgrad The Treasure stützen das Album mehr als tiefes Engagement.

Abgesehen davon bleibt The Early Years als ganzes ein kostbares Objekt. Für diejenigen, die an der bekannteren Fra Lippo Lippi-Phase interessiert sind, gibt es eine 15-Track Sammlung, die die Jahre 1985 bis 1995 abdeckt, erschienen als The Best of. Eines eint die frühen und späten Werke dieser Neuauflagen: die Covers beider entwarf der talentierte Kim Hiorthøy von Rune Grammofon. (cra+)

  • Artikelbild
    foto: rune arkiv
  • Artikelbild
    Share if you care.