Die Rache der Provinz

6. Februar 2005, 21:43
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Eine Lanze für den Villacher Fasching - ein Kommentar der anderen

Man muss kein überbezahlter Trendforscher sein, um vorauszusagen, dass auch heuer wieder der "Villacher Fasching" zum Quotenbringer Numero Uno des ORF werden wird.

Darüber pflegen Menschen, die sich, auf welcher Grundlage auch immer, zur Elite zählen, das Näschen zu rümpfen, dient ihnen das volkstümliche Spektakel doch als Beweis für die von ihnen unterstellte und gerne beweinte kulturelle Anspruchslosigkeit der Bevölkerung. Alfred Gusenbauer musste bekanntlich geharnischte mediale Kritik einstecken, als er es wagte, in Villach eine Gesichtswäsche zu nehmen.

Der Pöbel

Wer in den Wiener Salons auch in Zukunft noch von Zahnärztinnen, Kunstmäzenen und Hofräten ernst genommen werden wolle, dürfe sich nicht mit dem Pöbel gemein machen, so der Subtext der Schreiber, die einst auch mit Argusaugen entdeckt hatten, dass Jörg Haider einmal auf einer noblen Abendgesellschaft in einem Palais braune Schuhe getragen habe, was ja nun wirklich ganz schön pfui sei. Ich stelle mir so eine Party, bei der sich die Gäste gegenseitig auf das Schuhwerk starren, recht bizarr vor. Fetischismus mal anders.

Karneval-Anarchie

"Der Karneval ist ein Fest, das dem Volke nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt”, fiel dem wachen Goethe auf, als er während seiner italienischen Reise das wilde, von den Herrschenden kaum bezähmbare Faschingstreiben in Rom beobachtete. Der anarchische Aspekt und die wüste Respektlosigkeit, die der närrischen Zeit eigen sind, haben die Machthaber schon seit jeher erschreckt, und die oft wütend, manchmal resigniert vorgebrachte Abscheu gegen die Villacher Faschingsshow mutet wie ein leises Echo aus jenen Zeiten an, als die Oberschicht ängstlich auf den Aschermittwoch wartete, stets befürchtend, das Volk werde sich nicht mehr einkriegen, einfach weiterfeiern und irgendwann auf der Suche nach Alkoholnachschub die Paläste stürmen.

Die intelligenteren Vertreter der herrschenden Klassen haben freilich immer um die Ventilfunktion der Volksbelustigung gewusst, und wenn sich der Plebs seinen Spaß selber zimmerte, war dies umso besser, konnte man doch während dieser Zeit auf die kostspielige Ausrichtung von Wagenrennen, Pogromen und öffentlichen Hinrichtungen verzichten.

Nicht anders als "2412"

Die Villacher Faschingssitzung ist natürlich keine hochkulturelle Veranstaltung. Es handelt sich um ein Wuchtelwettschießen, das aber stellenweise auch nicht tiefer zielt als die Darbietungen Wiener Kabarettisten. Anders gesagt: Wer einmal über die Beamtenklischeebedienungsshow "2412" gelacht oder dabei mitgewirkt hat, sollte problemlos mit dem Villacher Fasching zurecht kommen – der Niveauunterschied ist unmerkbar.

Außerdem kommt man bei objektiver Betrachtung nicht umhin, den Amateuren, die da Jahr für Jahr ihre Freizeit opfern, um sich möglichst lustige Sketsche auszudenken und diese einzustudieren, Respekt zu zollen. Ja, viele Gags der Draustädter Narren zielen unter die Gürtellinie, und, auch das ist unbestritten, die Humoranstrengungen der Villacher (und nicht nur dieser) Faschingssitzung flüchten nur allzu gerne in seit mindestens 50 Jahren abgenutzte Klischees. Auch auf Sexismus und Homophobie wird gerne zurückgegriffen, wenn der echte Witz sich nicht einstellen will.

Dennoch könnten einige Protagonisten der Show ohne weiteres ein abendfüllendes Programm auf die Beine stellen, das sich vor der professionellen Konkurrenz nicht zu verstecken brauchte, wäre da nicht das in der österreichischen Kabarettverfassung festgeschriebene Grundgesetz, wonach ein Kabarettist mit einem ostösterreichischen Akzent sprechen muss, um auch noch die dümmste und nahe liegendste Pointe als Produkt eines regen Komikergehirns verkaufen zu können.

Aufklärung

Übrigens: Der "Apotheker" hat in seinem diesjährigen Programm einen Tipp für die FPÖ parat: "Wer ein neues Mitglied wirbt, bekommt tausend Euro. Wer drei Mitglieder wirbt, darf aus der FPÖ austreten, und wer fünf anwirbt, bekommt ein beglaubigtes Schreiben, wonach er nie in der Partei gewesen ist". Das ist lustig und gleichzeitig politisch aufklärend.

Dass der Villacher Fasching die feine Gesellschaft und Menschen, die sich einreden, einen guten Geschmack zu besitzen, auf die Palme treibt, von wo aus sie verbale Kokosnüsse auf den vermeintlichen Pöbel werfen, macht deutlich, dass auch die Opern schätzende Jungjuristin zur selben Spezies gehört, wie der Bier trinkende Maurer, nämlich zu einer Affenart, die ein bisschen zu viel Gehirn abgekriegt hat.

Das ist das schönste am Villacher Fasching, der auch deswegen so gute Quoten bekommt, weil er die durchaus clevere Rache der Provinz an der Überheblichkeit der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Elite darstellt. (DER STANDARD Printausgabe, 05.02.2005)

Bernhard Torsch lebt als freier Publizist in Klagenfurt
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