Wunschlos in St. Moritz

13. Mai 2005, 12:32
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In St. Moritz ist die Zeit lang. Und dagegen denken sich die Einheimischen seit mehr als 100 Jahren feine Lustbarkeiten aus

In St. Moritz ist die Zeit lang. Und dagegen denken sich die Einheimischen seit mehr als 100 Jahren feine Lustbarkeiten aus. Man kann Cresta fahren, in der Sonne sitzen, Polo spielen, Geld ausgeben, Reiche beobachten, die noch Reicheren zuschauen. Oder einen geduldigen Skilehrer mit hüftsteifen Parallelschwüngen traktieren.


"Merci vielmal", schnurrt der Mann auf dem Eis. Dann endet der oberengadinische Kammerton. Aus vollem Hals: "Service!" Und alle hinter Budel und Würstlbraterei begrüßen 50 Rappen Trinkgeld mit einem Enthusiasmus, der es zwischen Corvatsch und Piz Nair hallen lässt: "Hoi-oi-oi-oi-oi ..."

St. Moritz, die Eisbar auf dem zugefrorenen See, man erfrischt sich mit Heineken und Swizzly-Cider, blinzelt in die Sonne über dem Maloja-Pass. Ein Privatjet streicht über das Tal. Der Pelzmantel am Nebentisch sagt zu den Zottel-Boots: "Oh, das werden die Guccis sein." Rechts St. Moritz Dorf, links St. Moritz Bad, vorne das Springreitturnier im Schnee, hinten das White-Turf-Polofeld. Man widmet sich den Lustbarkeiten der anderen, bläst Atemkringel in die Kälte, lässt alle Möglichkeiten ungenutzt. Und die Welt ist schwer in Ordnung.

Natürlich könnte man beim Hanselmann im Dorf eine feine Kastanientorte essen. Oder sich mit schrägen Briten Rippenbrüche auf der Crestabahn holen, im Marmit auf der Corviglia Hummer mit Blick auf die Bernina-Gruppe bestellen, in Sils Maria flennend einem Schlittenpferd um den Hals fallen. Man könnte mit Stretchlimousinen-Taxis fahren, im Miniclub Med Kinderdramen beobachten, die Villen der Pradas, Berlusconis, Niarchos' an der Suvrettabahn bestaunen. Aber die Luft ist dünn hier heroben. Man will nichts. Und die Zeit ist relativ in Graubünden, das weiß man aus dicken Büchern. Die Dinge sollen sich selber entwickeln.

Dann kommt Rolf. Er ist wahrscheinlich der gütigste unter den gezählten 600 St. Moritzer Skilehrern. Im Gegensatz zu seinen Tiroler Kollegen, die den Herrgottswinkel im Herzen und die Sünde in der Hose tragen, ist er ein weltläufiger Mann. Er redet zuerst wenig, sagt dann aber viel. Jahrelang hat er in St. Moritz und dann in Chile unterwiesen, die Skier acht Monate im Jahr an den Füßen gehabt, hüftsteife Schwünge nobel übersehen.

"Los geht's"

Am Corvatsch schneit und stürmt es. Man sieht nichts. Im Dorf hat die Klinik Gut große Erfahrung mit Frakturen aller Art (Werbespruch: "Wetter schlecht, Sicht schlecht, Klinik Gut"). Rolf sagt: "Los geht's." Skifahren lerne man unter diesen Bedingungen. Er carvt mit Eleganz voraus. Man müht sich doch nachzukommen und die Grazie eines Hydranten geringfügig zu überbieten. Rolf verweist gnädig auf die jedenfalls schöne Natur und hat dann doch ein Einsehen: Einkehr ins Alpetta, auf einen Caffè Alpetta mit reichlich Schnaps.

Rolf sagt: "Gut." Man denkt: "Klinik Gut?" Rolf erzählt von seiner reichen Kundschaft, Managern einer Schweizer Großbank, denen die Natur wurscht sei, von der unerkannten Liz Hurley in der Standseilbahn, vom indischen Stahlmagnaten Mittal, der sich eine 45-Millionen-Franken-Villa in Chantarella gebaut habe. Und Heidi Horten, die Kaufhausketten-Erbin, betreibe mit anderen den Flughafen, die Reeder-Familie Niarchos besitze die Piz-Nair-Seilbahn und ein feines privates Stüberl auf der Bergstation des 3000ers.

Die Pradas, erzählt er, hätten vom Eigner des Badrutt-Hotels einen Bergbauernhof erworben, weil sie spekulieren, dass dort Bauland entstehen könnte. Leute wie er, die in St. Moritz aufgewachsen seien, hätten es dagegen schwer, in ihrer Heimat überhaupt noch einen Fuß auf den Boden zu bringen. Da werde gestritten auf Mord und Brand, das sei schon ein Thema beim Bund in Bern.

Aber hallo!

Die Talabfahrt - aber hallo! - fährt sich dann fast wie von selbst. Rolf muss nach Hause, weil die Sponsoren auf seinem Anzug nicht wollen, dass sich die Skilehrer in Arbeitsmontur die Nächte um die Ohren hauen. So ist er am nächsten Tag gut gelaunt, das Wetter dafür noch schlechter. Rolf stört das natürlich nicht. Nach einigen zugigen Liftfahrten setzt aber selbst er sich an den frugalen Mittagstisch der Club-Med-Hütte, in der Restaurantchef Nando auch im ärgsten Schneesturm halbstündlich "Oh sole mio" schmettert.

Auf dem Sonnenhang der Corviglia haben 2003 die Ski-Weltmeisterschaften stattgefunden. Rolf sagt, das habe St. Moritz viel gebracht. Die Infrastruktur sei tipptopp, binnen nur einer Woche könne man jetzt auch ein Weltcup-Rennen organisieren, das irgendwo ausfällt. In schneearmen Jahren speisen riesige Reservoirs die Kunstschneeanlagen, an Kälte mangelt es in St. Moritz nie. "On Top of the World", so wirbt der Ort für sich.

Und Abfahrt!

So sind selbst bei heftigem Wind die Abfahrten immer gut beieinander. Wer es darauf anlegt, kann bei einem Heidi-Haus vorbeifahren, das in einem der vier (oder fünf, Rolf weiß es nicht mehr so genau) Heidi-Filme eine recht statische Rolle gespielt hat. Von dort kann man selbst bei schlechter Sicht den See ausmachen, die Spaziergänger flanieren, einen glücklosen Skikjoerer fallen sehen. Man sieht Champfèr und Silvaplana, wo die Leute, sagt Rolf, rätoromanisch reden. Und zu den Pässen, die in einer Viertelstunde zu erreichen seien und hinter denen Italienisch gesprochen wird.

Die Standseilbahn rattert vom Dorf zur Corviglia herauf, man könnte die Weicheivariante wählen und mit ihr statt mit Skiern zu Tal fahren. Weil das Rolf wohl missfallen würde, lässt man den Gedanken dann wieder fallen. Andererseits ist er doch froh, wenn er früher Schluss machen kann.

Man hinterbleibt wunschlos im "Weltdorf", mit Schnee an den Skischuhen. Die Eisbar hat geschlossen, leider. Raiffeisen Reisen bietet eine Woche all inclusive im Club Med "Roi Soleil" in St. Moritz ab 852 Euro pro Person an. Darin enthalten sind: Vollpension, Skipass, Skikurs (eine Rolf-Garantie gibt es nicht), Schneekindergarten für Sprösslinge ab vier Jahren und (für alle, die's brauchen) lustige Animateure. Das Wellness-Angebot im Ressort umfasst Schwimmbad, Fitness, Stretching, Sauna und Hammam - gegen Gebühr gibt's Massagen, Tennis und Squash. (DER STANDARD, REISE, Printausgabe vom 5./6.2.2005)

Von
Christoph Prantner

Links

raiffeisen-reisen.at

clubmed.de

stmoritz.ch

  • Artikelbild
    foto: christian fischer
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