Der Unwort-Streit

Redaktion, 06. Juni 2005 14:05

Die Deutschen haben mit dem Begriff "Humankapital" das Unwort des Jahres gekürt

Die Deutschen haben mit dem Begriff "Humankapital" das Unwort des Jahres gekürt. Die an der Frankfurter Goethe-Universität angesiedelte Jury aus Sprachwissenschaftern argumentiert, dass jener Menschen nur noch zu einer ökonomischen Größe mache. Darüber ist mittlerweile ein heftiger Streit entbrannt, die Blogs sind hochemotional. Mittlerweile werden auch schon T-Shirts mit dem Unwort verkauft: Die einen ereifern und empören sich, weil solcherart Menschen dem Kapital gleichgesetzt würden. Die anderen sehen im "Humankapital" eine Aufwertung des Menschen in der Logik des Kapitalismus, weil dieser ja Kapital nicht verschleudere oder achtlos herumliegen lasse, sondern eben vermehren will.

Dieser Positionsstreit ist, wie Jens Jessen in der Zeit sagt, wenig plausibel. Klar, keine Mutter, die über ihre drei Kinder spricht, redet von "reichlich Humankapital". Niemand, der einen Sonntag auf der Couch verbringt, denkt an Vergeudung von Humankapital. Das Wort selbst ist auch keine fonetische Wohltat und auf das gesamte Leben übertragen gefährlich fehl am Platz.

Dort aber, wo es hingehört, nämlich in die Wirtschaft, hat es eine klare und gleichzeitig harte Bedeutung: Es sagt ehrlich, dass wir bewertet, verwaltet und bewirtschaftet werden. Wenn daraus die Erkenntnis wächst, wie kostbar Mitarbeiter sind, welche Wertschätzung ihnen gebührt und wie sorgsam Investitionen in Menschen, die jedes Unternehmen ausmachen, fließen müssen, dann ist das gut. Dass Unternehmen von zufriedenen, gesunden Mitarbeitern profitieren, ist ja erwiesen. Wenn Firmen erkennen, dass sie dafür viel tun müssen, dann ist das ein guter Weg. (Der Standard, Printausgabe, 5./6.2.2005)

Von Karin Bauer
Kommentar posten
14 Postings
Ndugu
24.05.2005 10:26
Euphemismen...

Humankapital ist einfach ein Beispiel, dass halt immer wieder schöne neue Wörter notwenig sind, um Altbekanntes zu sagen. Was mir daran aufstößt, ist die Entpersonalisierung: Humankapital statt Arbeitskräfte - da klingt es doch besser zu sagen, daß man die Humankapitalsbasis verringert als daß Mitarbeiter entlassen werden, nicht?

Erich Feldmeier
 
24.02.2005 14:39
Auszeichnung Humankapital positiv gewendet

Liebe Leserinnen und Leser,

Presserklärung und Pressetexte finden Sie auf den Seiten des HumanCapitalClub.de.
Bitte nutzen Sie die "Gelegenheit der Auszeichnung"
auf die Diskrepanz zwischen Lippenbekenntnissen und tatsächlichem, wirtschaftlich schädlichem Handeln hinzuweisen.

BK W. Shoyssel
06.02.2005 21:17
ganz genau

ganz genau bewußt ist die Bedeutung des Begriffes "Humankapital" den verkauften Mädchen aus Weißrussland, die in Österreich anschaffen gehen müssen.

Die meisten anderen Lohnabhängigen haben die ganze Pracht dieses Begriffes noch nicht so klar durchschaut.

Realist in Österreich
06.02.2005 16:28
Eines ist wohl auch für Ewiggestrige nachvollziehbar,

dass nämlich das Kapital eines Unternehmens in erster Linie seine Mitarbeiter sind, und nicht der Maschinenpark. Denn ein Unternehmen kann heutzutage nur dann überleben, wenn es motivierte Mitarbeiter hat. Der Umkehrschluss ist durchaus zulässig, dass die Gewerkschaften mit ihrer Demotivationsstrategie Betriebe zerstören und damit völlig kontraproduktiv für die Arbeitnehmer agieren.

oti0
06.02.2005 20:49
"unsere mitarbeiter" versus "unsere leistungsträger"

für realisten und "immerheutige" sollte beobachtbar sein, dass es zwar oft "unsere mitarbeiter" heißt, aber nur "unsere leistungsträger" gemeint sind.

ich beobachte sowohl in mittelbetrieben als auch in grossbetrieben, dass es dort ziemlich wurscht ist, wies den durchschnittlichen mitarbeiter geht oder was sie denken. bei bedarf wird halt ein sinnloses motivationsprogramm gefahren statt die leute im alltag nicht dauern zu demotivieren. und wenn das auch nicht reicht, dann raus mit ihnen.

Honni soit qui mal y pense
06.02.2005 14:07
Im Englischen eh schon verwendet

Im US englisch eh gebraeuchlich (human capital), warum dann auch nicht im Denglischen, dass die umerzogenen Neu-Deutschen ja heute sprechen.

homicidal psycho jungle cat
07.02.2005 07:56
Trotz vieler

in US-amerikanischen Unternehmen verbrachter Jahre ist mir "human capital" noch nie untergekommen. Verwechselt mit "human resources"?

Kuehlschrank .
 
07.02.2005 10:15

"human capital" ist erst nach "human resources" aufgekommen, vielleicht deswegen.

Jim Kirk
06.02.2005 13:20
Für mich ist Humankapital eher positiv besetzt.

Es drückt den nicht quantifizierbaren wert der mitarbeiter aus, die durch spezielle fähigkeiten (innerbetriebliche schulungen z.b.) eine wertvolle Basis für das bestehen eines Betriebes bilden.
Eine auswechelbare, angelernte tätigkeit die auch leicht ausgelagert werden kann würde ich nicht als humankapital bezeichnen.
Aber das ist nur meine interpretation.

WALDORF and STATLER
 
06.02.2005 01:58
eigenartig - ein langgebrauchtes wort

und eigenartig das dies jetzt zum un-wort gekürt
wird. seit leute arbeiten und dafür bezahlt werden
und die güter bezahlt werden, wird dies gegen-
gerechnet, egal ob es human-capital heisst oder
markt-wert seiner arbeitskraft/fähigkeiten und leistungen.

in deutschland, bei den hohen arbeitslosenraten,
und den aktionen dortiger konzerne kann haber von
aufwertung, weniger vergeudung, kaum die rede
sein. und angesichts 1 EURO jobs von human
capital zu reden würden wohl die betroffenen für
verhöhnung empfinden. da sind wir bei 3. welt-
niveau

Anton Gsandtner
 
05.02.2005 20:07
Brecht : "Die Ware Mensch will nicht mehr Ware sein" !


Musikalisch blendend
umgesetzt von den
Schmetterlingen in
der "Proletenpassion".

A. Gsandtner

Adalbert M. Rohde
05.02.2005 13:39
Warum Unwort?

"Humankapital" ist wenigstens nicht so verlogen, sondern sagt was Sache ist. Mich regen mehr die Pseudopsychologisiererei und die ganzen Coacher auf, diese Psycho-Schönfärber und wie immer man sie bezeichnen will, die das alltägliche Elend am Arbeitsplatz zu einer heilen Welt mit Selbstentfaltungspotenzial zurechtfälschen trachten.

RS69
20.03.2005 19:06
Es gibt auch Menschen, die Ihre Job's gerne machen,..

bei dem "alltäglichen Elend" ist es vieleicht der Fiasche Job?

RS69
20.03.2005 19:17

tippfehler: der falsche Job.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.