Die fatale Spirale des Artensterbens

5. Februar 2005, 11:00
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Wiener Forscher untersuchten Orchideen und deren Sterben durch Kaffeeplantagen

Das Thema Artensterben wurde in jüngster Zeit primär in Zusammenhang mit dem laufenden Klimawandel diskutiert. Was Wunder, wenn durch ansteigende Temperaturen immer mehr Lebensraum für Tier und Pflanze bedroht wird. Dass jedoch die Landwirtschaft, vor allem die primär von Industrieländern verantwortete intensive Ausbeutung landwirtschaftlicher Nutzflächen und Strategien zur Ertragssteigerung in der Dritten Welt eine ebenso große Gefahr für zahlreiche Arten darstellt, wurde in den hitzigen Diskussionen über den Treibhauseffekt in der jüngsten Vergangenheit oft ausgeklammert. Dabei gibt es genügend Beispiele dafür. Etwa in den abgeholzten Tropengebieten Mittel- und Südamerikas.

Die meisten tropischen Orchideen und Bromelien zum Beispiel, zu denen auch die bei uns als Mitbringsel so beliebten Tillandsien gehören, sind Epiphyten. Das sind Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen und keinerlei Verbindung mit dem Boden haben. Das bedeutet, dass sie für ihre Wasser- und Nährstoffversorgung gänzlich auf Niederschläge, Einträge aus der Luft und vom Wirtsbaum abgegebene Nährstoffe angewiesen sind.

Entsprechend lange brauchen sie auch, bis sie fortpflanzungsfähig werden: Mit wenigen Ausnahmen dauert es, je nach Art, sechs bis 21 Jahre, bis die jeweilige Pflanze groß genug ist, um Samen zu erzeugen. Ob sie dieses Alter überhaupt erreicht, hängt wiederum wesentlich davon ab, ob der Ast, auf dem sie wächst, so lange überlebt, denn wenn er bricht und zu Boden fällt - was nicht selten der Fall ist - sterben die auf ihm lebenden Epiphyten ab.

Peter Hietz vom Institut für Botanik an der Universität für Bodenkultur in Wien beschäftigt sich seit rund 15 Jahren mit Epiphyten. In einem ausgewählten Berg-Regenwald in Veracruz, Mexiko, haben er und seine Mitarbeiter 1999 ungefähr 1200 Orchideen und 550 Bromelien vermessen und fotografiert, im Zuge eines vom österreichischen Wissenschaftsfonds geförderten Projektes, das kürzlich endete, kamen noch 800 weitere Pflanzen dazu.

Die Identifizierung vieler einzelner Vertreter einer Art ist wichtig, denn nur so können diese über Jahre hinweg beobachtet werden, um seriöse Aussagen über Fragen wie Lebensdauer, Fruchtbarkeit oder Verbreitung zu ermöglichen. So konnte Hietz zeigen, dass Bromelien-Samen nicht nur das Problem haben, auf einem geeigneten Baum zu landen (der allergrößte Teil der Samen geht zugrunde, weil sie auf den Boden fallen), sondern dass es danach noch einen zweiten "Bottleneck" gibt: Die meisten Keimlinge sterben innerhalb der ersten paar Monate, wahrscheinlich durch Wassermangel.

Auch an welcher Stelle eines Astes ein Epiphyt zum Keimen kommt, spielt eine wesentliche Rolle für sein Gedeihen, denn die Position innerhalb der Baumkrone hat große Auswirkungen auf das Mikroklima. Je empfindlicher eine Art auf Feuchtigkeits- und Lichtverhältnisse reagiert, desto schwieriger ist es für sie, eine optimale Stelle zu besiedeln. Stark feuchtigkeits- und schattenliebende Arten etwa gedeihen nur in geschlossenen Regenwäldern, zahlreiche weniger heikle Arten aber können ihre Zuflucht durchaus auch in landwirtschaftlich genutzten Flächen wie Kaffeeplantagen finden. Viele mittel- und südamerikanische Bergregenwälder in niederen Lagen wurden für die Anlage von Kaffeeplantagen gerodet, doch da traditionelle Kaffeesorten keine direkte Sonne vertragen, wurden große, alte Bäume als Schattenspender belassen oder neue gepflanzt.

Bei einem Vergleich zwischen solchen Plantagen und natürlichen Bergwäldern fanden Hietz und seine Wissenschaftergruppe 104 Epiphyten-Arten unter natürlichen Bedingungen und immerhin 89 in den Kaffeeplantagen. Das Problem ist allerdings, dass viele Plantagen durch die Intensivierung der Landwirtschaft und den zunehmenden Preisdruck auf neue, lichttolerante Kaffeesorten umgestellt werden, die zwar höhere Erträge bringen, aber auch mehr Arbeitsaufwand und Chemie-Einsatz verlangen. Durch den Verlust der Schattenspender verlieren nicht nur die durch den Regenwald-Schwund ohnehin schon in ihren Beständen bedrohten Epiphyten weiter an Lebensraum. Auch zahlreiche Vogelarten, die sich von deren Nektar oder Früchten ernähren, sowie viele Kleintiere, denen die Ephiphyten Wohnung oder Unterschlupf bieten, leiden unter dieser Entwicklung. Auch ihre Populationen werden immer kleiner. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 2. 2005)

  • Die meisten Epiphyten wie diese Tillandsie, eine tropische Orchideenart, benötigen von der Keimung bis zur Blüte ein bis zwei Jahrzehnte, doch nur die wenigsten schaffen es - und auch deren Zahl wird immer geringer.
    peter hietz/boku wien

    Die meisten Epiphyten wie diese Tillandsie, eine tropische Orchideenart, benötigen von der Keimung bis zur Blüte ein bis zwei Jahrzehnte, doch nur die wenigsten schaffen es - und auch deren Zahl wird immer geringer.

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