Die Flecken des Idealismus

23. Februar 2005, 13:12
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Er ist halt doch ein wahrer Patriot ...

... und nicht so ein einschlägig bekannter Historiker oder ein dem Linksextremismus im Lande angehörender Zeitgeschichtler wie dieser unsägliche Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv. Nein, er ist eben der biedere Andreas Mölzer, Herausgeber der stets zu Mitgefühl mahnenden "Zur Zeit" und EU-Abgeordneter der FPÖ.

Als solcher wies er neulich jede Mitverantwortung des heutigen Österreich an den Gräueltaten der Nationalsozialisten weit von dieser Republik und blieb aus Verantwortung der Abstimmung über eine Resolution zu Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit im EU-Parlament fern, "da ich das Gefühl habe, dass mit dem Leid der Opfer tagespolitische Ambitionen verbunden werden". Und wenn ihn dieses Gefühl überwältigt, und das geschieht eigentlich immer, wenn die Rede auf die Verbrechen der Nazis kommt, dann weiß er, was er zu tun hat. Dann muss er all diese ebenso bösartigen wie einfältigen Verurteilungen, die einer näheren Betrachtung nicht standhalten, entlarven.

In diesen Tagen hatte er Hochbetrieb, wollte doch die SPÖ ihre "braunen Flecken" offenlegen und bot nur peinliche Heuchelei, wo andere peinliche Heuchelei eher in der Zeit sehen, in der sich der Bund sozialistischer Akademiker, Intellektueller und Künstler, kurz BSA, unter Duldung der Parteiführung als rot-brauner Fleckerlteppich mäßig entrollte. Diese Aufarbeitung hat viele in der SPÖ genervt, denen der Ruf der Dulder teuer ist, aber jene völlig durcheinander gebracht, die zu einem Nazi bis zum offensichtlichen Erweis des Gegenteils und oft darüber hinaus immer nur assoziieren: "Aber persönlich idealistisch und anständig".

Die ganze Aktion ist ihnen nicht geheuer, könnte sich daraus doch die Frage ergeben, wie treu es im 21. Jahrhundert die Freiheitlichen und ihr Heimatdienst mit ihren "braunen Flecken" halten. Hin- und hergerissen, ob sie die freundliche Aufnahme ehemaliger Nationalsozialisten im BSA nun als frühe Entnazifizierung loben oder als stille Abwerbung tadeln sollen, konzentrieren sie ihren Grant auf alles Mögliche, nur nicht auf das, was vorliegt, nämlich auf eine detaillierte Festschreibung von Fakten, die im Großen und Ganzen ohnehin stets bekannt waren. In diesem Sinne lautet ihr leicht komischer Vorwurf an die SPÖ: Allzu späte Entnazifizierung.

Aus Mölzers Munde eine niederschmetternde Anklage. Vielleicht wäre ihm früher lieber gewesen - im Nachhinein und bei der SPÖ konnte er es offenbar gar nicht erwarten. Nur: Umgekehrt wäre eben korrekter. Die SPÖ, und desgleichen die ÖVP, hat 1949, als "Ehemalige" ein entscheidendes Wählerpotenzial waren, eher allzu frühe Entnazifizierung betrieben, um davon zu profitieren. Zu früh, zu spät - Mölzer kann man es nicht rechtmachen.

Von der Auswahl her schon gar nicht. Denn wie aus "Zur Zeit" noch zu erfahren: Das Gros der opportunistischen Ex-NSDAP-Mitglieder nistete sich bei SPÖ und ÖVP ein. Wer aber waren die blauen Gründerväter? Ehemalige Nationalsozialisten und Rechtsliberale - persönlich ohne Schuld und idealistisch. Idealistisch ist überhaupt ein Grundzug nationalsozialistischen Wesens, sei es nun bei den "Seinerzeitigen", sei es bei den "Ehemaligen". Bei Letzteren gibt es allerdings feine Abstufungen.

Er hat sich dem seinerzeitigen nationalsozialistischen Zeitgeist ergeben. Gemäß der eigenen damaligen Sicht idealistisch und gläubig, weiß Mölzer von einem Fall. Nach Kriegsende hatte er für sich und seine Familie eine Möglichkeit, zu überleben und seinen Beruf auszuüben, nicht mehr und nicht weniger. In der SPÖ nämlich, also nicht mehr ganz so idealistisch und gläubig. Und während er als Agrar-Beamter der Kärntner Landesregierung bereits in den späten 50er Jahren einen VW-Käfer hatte, waren die Eltern des Autors dieser Zeilen hingegen von Anbeginn an beim VdU dabei und dann bei der Gründung der Freiheitlichen Partei.

Unvermeidliche Folge dieses auch durch Hitlers Niederlage nicht zu brechenden Idealismus: Sie fuhren nach wie vor mit dem Personenzug nach Neumarkt, um den heimischen Zirbitzkogel zu besteigen. Der Vater mit Rucksack und der zerschlissenen weißen Windjacke der deutschen Gebirgstruppe. Aber so war das nun einmal, die Lebenstüchtigeren waren bei den etablierten Großparteien SPÖ und ÖVP, die Naiven, die sich selbst für Idealisten hielten, und von anderen für unbelehrbar gehalten wurden, gingen zur FPÖ.

Ja, es war eine schwere Zeit für Naive, wohl wert, ihretwegen heiße Tränen nationaler Rührung zu vergießen. Aber wie auch immer, anständige Männer waren sie alle. Heute werden sie von einer geradezu dümmlich selbstgerechten Generation der Nachgeborenen unter der Kategorie "braune Flecken" abgetan.

Wahr ist 's, und eben weil der Nationalsozialismus in seiner gnadenlosen Anständigkeit eine Diktatur, einen Weltkrieg, die Straflager und ein paar Dutzend Millionen Tote produzierte, finden ein paar Dummis halt nichts dabei, gelegentlich an einige Flecken dieses Idealismus zu erinnern. (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.2.2005)

Von Günter Traxler
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