Seismograf des Zeitgeschehens

11. Februar 2005, 14:52
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Ein Schatz ist zu heben: 80 Jahre Cartoons aus dem New Yorker

Cartoons haben eine schwierige Aufgabe, die zugleich ihr großer Vorteil ist. Sie müssen einen Sachverhalt, ob lächerlich oder ernst, auf den Punkt bringen. Auf ein paar Punkte, gut gesetzte Striche, einige wenige Worte oder auch gar keine: Fertig ist die Enthüllung von Alltagsquatsch, der offen gelegte Widersinn von Pathos, das Mondgesichti eines Politikers.

In der Welt der Karikaturen und satirischen Zeichnungen ragen die Arbeiten, die im New Yorker erscheinen, heraus. Seit seinen Anfängen vor 80 Jahren hat sich das Kultur- und Humormagazin mit besonderer Sorgfalt der Auswahl der gezeichneten Arbeiten gewidmet. Die Künstler haben es gemerkt und den New Yorker bald zum Olymp ihrer Branche erklärt. Den Lesern ist es ebenfalls nicht verborgen geblieben. Ob sie die langen, anspruchsvollen Reportagen und Rezensionen lesen, ist nicht gewiss. Dass sie das Wochenmagazin nach allen Cartoons durchblättern, das schon - "Geben Sie's zu, Sie wissen, es stimmt", sagt Chefredakteur David Remnick.

Warum gerade The New Yorker? Weil bei ihm ein urbaner, respektloser Geist herrscht, eine Fähigkeit, Dinge, die es nicht anders verdienen, unernst zu nehmen. So kann Humor überhaupt erst gedeihen. Andersrum: Evangelikale Eiferer sind schlicht nicht witzig.

Das Magazin hingegen reflektiert die Energie der multikulturellen Stadt, agiert als Arbiter elegantiarum seiner Society - ob High, Hip oder Low -, als Seismograf der kulturellen Strömungen. Das und die Besessenheit seiner Cartoon Department Editors waren der Grund für den Erfolg. Und viel Geld, mit dem man sich die besten Zeichner leisten konnte. (Geld, das übrigens unter anderem von einem aus Wien ausgewanderten Mayonnaise-König kam; womit bewiesen wäre, dass der New Yorker eigentlich ein österreichisches Kulturgut ist.)

Jedes Jahr zum Gründungsdatum Mitte Februar erscheint das Magazin mit seinem ersten Titelblatt, einem Dandy, der einen Schmetterling beobachtet (auch das eine Hommage an die Bedeutung der Illustratoren, manchmal variiert durch zeitgenössische Künstler wie Robert Crumb); in Kürze also zum 80. Mal. Aus diesem Anlass hat sich das Magazin ein monumentales Denkmal gesetzt und The Complete Cartoons herausgebracht: 68.647 Arbeiten von mehr als 400 Zeichnern.

Ein Coffeetable-Buch? Man bräuchte schon ein ganzes Kaffeehaus voller Tische, um diese Menge im Druck unterzubringen. Nur rund 2000 sind für die 656 Seiten ausgewählt worden, die Gesamtheit dafür auf zwei mitgelieferten CDs gespeichert und chronologisch sowie nach Stichworten zugänglich.

Vor uns liegt also eine ungeheure, dabei wohl geordnete Fundgrube. Sie lässt sich nach Namen von Künstlern absuchen, die durch den New Yorker berühmt geworden sind, wie Chas Addams, dessen seltsame Familie es später zu TV-Serien-Ehren gebracht hat; oder James Thurber, der zunächst als Autor zum Blatt kam und danach mit seinen seltsam ätherischen Strichen gleichermaßen reüssierte; oder George Booth, in dessen Arbeiten sich fast immer irgendwo ein Hund kratzt.

Andere waren schon wer, bevor sie durch Veröffentlichungen im Magazin - gar Titelblätter! - noch zusätzlich geadelt wurden; Sempé zum Beispiel, der freundliche Satiriker aus Paris, oder Saul Steinberg, der verrätselte Symbolist, für den das Blatt das zweite Standbein neben den Galerien war. Legendär, oft kopiert und zum Posterklassiker geworden ist eines seiner Covers, eine Darstellung der Welt aus der Sicht eines Bewohners von New York.

Spannend sind auch Zeitreisen, die man im nach Jahrzehnten angeordneten Buch antreten kann. Reiseführer sind die Kapitelvorwort-Autoren Lilian Ross, John Updike, Calvin Trillin und andere. Sie schaffen Verbindungen zwischen dem, was "damals" in der Luft lag, und dessen Reflexion in den eleganten bis bewusst kratzbürstigen Strichen der Zeichner.

Viele Cartoons sind an Zeit und Ort gebunden und ohne dieses Hintergrundwissen kaum witzig oder auch nur verständlich: Manhattan während der Prohibition, Touristen im Paris der Nachkriegszeit, die Metropolitan Opera als Multiplex, die Obsession mit der Psychoanalyse. Viele andere sind noch spezieller, reagieren auf Geschehnisse in der Stadt, Nachrichten der vergangenen Woche, kleine Einschnitte im Alltag. Anfang der Siebziger, TV-Werbung für Tabak wird gerade verboten, sitzt ein Mann vor dem Fernsehen und ruft seine Frau: Machen wir noch einen letzten Ritt durch Marlboro Country!

Bleiben immer noch jede Menge Arbeiten, die Ortschaften und Zeitläufe überdauert haben und im Pantheon der fünften Muse angekommen sind: Leitmotive, Volltreffer der Darstellung, heute so anwendbar wie zur Zeit ihrer Entstehung.

New-Yorker-Cartoons zeigen darüber hinaus, wie sich der Bezug des Magazins zur Welt wandelte. In seiner Frühzeit behandelte es seine Leserschaft - obere Mittelschicht und darüber - mit feiner Ironie und einem Augenzwinkern des Einverständnisses (siehe "Tomato Sur- prise", links), das je nach dem Zeitgeist einer mehr oder weniger scharfen Gangart Platz machte. Nacktheit, in den Vierzigern kein Problem, wich darstellerischer Prüderie, dafür spürte man die wachsende Unruhe der Sixties in den karikierten Inhalten. Watergate hinterließ einige Spuren, die Dot-Com-Hysterie ebenfalls, Nacktheit machte ein Comeback.

Und immer wenn man als Leser dachte, dass die Formeln klassischer Cartoon-Kunst ausgereizt seien, kamen neue Impulse. Die Künstler im New Yorker waren und bleiben stilbildend, sie haben Zeichen-Codes geschaffen und vor allem durchbrochen - die ersten "Ohne Worte"-Bilder zum Beispiel. Sie bilden immer noch, vielleicht sogar mehr als früher, eine äußerst heterogene Partie, der eine (sagen wir Weber) zeichnet raffiniertest, die andere (Chast) krakelig bis zum kaum mehr Erkennbaren. Doch es eint sie ein Geist, der immer weiter drängt und neue Wirkungsweisen von Nonsens, Botschaft und "sophistication" erkunden will. Wenn Guevara ein Simpson-Shirt trägt (siehe links), dann ist das ein Spiel mit Logos, Nachdenken über eine aus den Fugen geratene Welt aus zweiter Hand, Kommentar über vertauschte Prioritäten und im Zweifelsfall politisch unkorrekt: Ingredienzien, die halten werden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.2.2005)

Robert Mankoff (Hg.):
The Complete Cartoons of The New Yorker.
Vorwort von David Remnick,
2 CDs. 656 Seiten. Black Dog & Leventhal, New York 2004.
Bei uns in Kürze erhältlich, online um ca. € 80,- zu bestellen. In den USA ab ca. $ 37; aber 4,5 kg schwer!

Von Michael Freund
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