Sie findet ihre Schlüssel nicht

11. Februar 2005, 21:23
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Aus der nachgelassenen Prosa von Paula Köhlmeier, die 21-jährig 2003 tödlich verunglückte

Sie trinkt Kaffee. Die Wohnung ist nicht aufgeräumt. Sie sucht ihre Schlüssel. Sie liegen unter der gelben Mappe in der Küche.

Sie schneidet sich ein Stück Schwarzbrot ab und behält es im Mund, während sie die Schuhe anzieht und die Wohnung absperrt.

Sie sitzt im Café, bestellt eine Melange und ein Wasser mit einer Scheibe Zitrone.

Ihre Hände sind schlank und weiß, ihre Haare sind dick und schwarz. Der Kellner liebt sie.

Sein Zimmer ist aufgeräumt. Seine Schlüssel hängen an einem Haken.

Er bringt ihr die Melange und das Wasser und die Scheibe Zitrone.

Sie sagt: "Danke." Sie bezahlt sofort. Das macht sie immer. Mit der roten Geldtasche in der Hand, die ihr so sehr gehört, wartet sie, bis er die Rechnung fertig hat. Er ist schlecht im Kopfrechnen.

Sie lächelt und gibt Trinkgeld.

Der Kellner liebt sie.

Der Kellner ist schüchtern.

Jeden Tag besucht sie das Café. Jeden Tag möchte er sie ansprechen.

Heute sitzt sie nicht allein am Tisch. Ihr gegenüber hat eine Frau Platz genommen. Mitte Vierzig. Sie trinkt Orangensaft. Frischgepresst und ohne Fruchtfleisch. "Fruchtfleisch klebt an den Zähnen." Sagt sie. Warum sagt sie das?

Diese Frau Mitte Vierzig liebt den Kellner.

Der Kellner ist Mitte Zwanzig.

Auch diese Frau besucht jeden Tag das Café. Sie nickt der Frau mit den schlanken Fingern und den dicken Haaren zu und weiß, dass der Kellner sie liebt.

Er hat es ihr geschrieben in einem Antwortbrief auf einen Liebesbrief.

Er schrieb: Ich liebe die Dame mit der roten Geldtasche, die manchmal Ihnen gegenüber sitzt."

Die Dame mit der roten Geldtasche liebt niemanden. Sie sucht Arbeit und keine Liebe.

Der Kellner liebt die Dame mit der roten Geldtasche.

Die Frau mit dem Orangensaft liebt den Kellner.

Die Dame mit der roten Geldtasche findet ihre Schlüssel nicht.

Paula Köhlmeier, geboren 1982 in Bregenz, Tochter des Schriftstellerpaares Monika Helfer und Michael Köhlmeier, verunglückte im Sommer 2003 bei einer Wanderung zur Burgruine Alt-Ems tödlich. Heute, Samstag, erscheint im Zsolnay-Verlag unter dem Titel "Maramba" (€ 18,40/ 256 Seiten) ihre nachgelassene Prosa, aus der wir hier einen Text bringen.

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