Die Gewalt, die Familie, der Eid

11. Februar 2005, 21:23
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Christoph Heins stocksteifer RAF-Roman um einen Beamten und die Staatsschützer

Auf dem Bahnhof einer deutschen Kleinstadt kamen 1993 ein Polizist und ein RAF-Mann ums Leben, und die Unklarheit, wer bei diesem Großeinsatz wen unter welchen Umständen erschossen habe, beschäftigte eine Zeit lang die Öffentlichkeit und die Gerichte des wiedervereinten, nunmehr vollends demokratisch ausgerufenen Deutschland. Wie weit ein Rechtsstaat gehen dürfe oder müsse, welchen Informationspflichten er unterliege, wie sich eine Gesellschaft gegenüber terroristischen Unternehmungen verhalte, wie weit es mit der Gerechtigkeit her sei - diese Fragen standen auch in jenem Fall zur Debatte.

Christoph Hein spitzt sie nun zu. Aus dem Stoff hat er nach offenbar eingehenden Recherchen einen Roman geschaffen, der im Titel (aus einem Zitat von Iris Murdoch) hintergründige Vergangenheitserklärungen verspricht: In seiner frühen Kindheit ein Garten. Dabei konzentriert sich Hein zwar auf die Perspektive eines eidbewussten Staatsdieners, noch dazu eines Pädagogen, lässt jedoch den Überblick eines Erzählers walten: Er geht nicht ganz chronologisch vor, sondern arrangiert den Verlauf nach seinen narrativen Zwecken.

Was geschehen kann, wenn einer hartnäckig Ansprüche an die Gerechtigkeit stellt, geht aus einem der großartigsten Prosawerke deutscher Sprache hervor. Nun ist Heins Hauptfigur kein Michael Kohlhaas, den Kleist ja im ersten Satz der Novelle als "Sohn eines Schulmeisters" charakterisiert, sondern ein Gymnasialdirektor im Ruhestand. Richard Zurek, der Vater des getöteten Terroristen, führt ein derart geordnetes Pflichtleben, sei ein preußischer Ruf zu personifizieren.

Mit dem Extremfall des Konfliktes zwischen Gemeinwesen und Person trifft der Staatsdienst auf die Elternverpflichtung, und es stellt sich heraus, dass die Umsetzung des Berufseides immer an einer Definitionsmacht hängt. Richard Zurek und seine Frau finden sich einem Mediengewitter ausgesetzt, beginnen den widersprüchlichen Behördenmitteilungen zu misstrauen. Es verstärkt sich ihr Eindruck, dass eine falsche Staatsräson, Vertuschung sowie Verschleierung herrschen. Auf die briefliche Anfrage, warum denn der Innenminister zurückgetreten sei, wenn bei der Polizeiaktion ohnehin alles seine Ordnung gehabt habe, erhält Zurek die Auskunft, "Querulanten" antworte man nicht.

Der strenge Beamte Zurek vermag den realen Gepflogenheiten seiner staatlichen Ordnung nicht mehr zu folgen. Nach genauem Aktenstudium gewinnt er die Einsicht, dass der Sohn kein Mörder, auch kein Selbstmörder gewesen sei. Die Prozesse gegen die Republik freilich verliert das Ehepaar Zurek, bis das letzte Urteil doch einen Lichtblick bringt und der Schulmeister sein Pflichtverhältnis ordnet: "Da der Staat aber seine eigenen Gesetze nicht wahrt, bin ich von meinem Amtseid entbunden."

So stocksteif wie dieser Lateiner Dr. Zurek kommt die Prosa von Christoph Hein daher, der mit diesem rundum plakativen Roman ein bedeutsames Thema, einen interessanten Stoff verschenkt.

Die Figuren sind Typen, manche simple Karikatur, bis zu den Namen (die mit Oliver Zurek überwältigte Terroristin heißt - in plumper Böll-Anspielung - Katharina Blumenschläger). Während dem zweiten Sohn vom RAF-Bruder verboten wurde, ebenfalls in den Untergrund abzutauchen, damit einer für die Eltern bleibe, erweist sich die Tochter Christin als noch eidverbundenere Pädagogin als ihr Vater.

Christins Mann, ein Unternehmer, sieht den Terroristen aus der Familie als Geschäftsstörung. Richard Zureks alter Kriegskamerad, ein schwerreicher Geschäftsmann, hingegen drängt darauf, noch einmal auf Verteidigungsabenteuer auszuziehen, als "Stoßtrupp" gegen die staatlichen Unwahrheiten. Entsprechend hanebüchen klingt seine Rede: "Ich brauche etwas Action. Glaub mir, wenn ich mit der Innung zu tun habe oder mit der Industrie- und Handelskammer, gar nicht zu reden von den Fuzzis in der Bank, da könnte ich ausrasten."

Vollends mit Klischees besetzt Hein die alte Ehebruchs-Liebes-Geschichte, die unvermittelt auftaucht und wohl zeigen soll, dass sogar dieser strikte Direktor Zurek nicht immer so regelgerecht gelebt hat. Das Außerehelich-Sentimentalische gerät zur kitschig naiven Dichtung: "Ich war gar nicht mehr bei mir, es war wie in einem Roman [. . .]. Du kamst in mein Zimmer gerauscht, und ich stand in Flammen." Christoph Hein scheint unbedingt einen Duktus gesucht zu haben, der der angestrengten Ordnung seiner Figuren nicht nachsteht. Dabei ist er auf eine Sprache von geradezu peinlicher Schwerfälligkeit verfallen: "Die beiden Zureks waren viele Jahre Mitglieder eines Tangokurses in der Stadt gewesen und genossen es nun, die vertrauten Schritte zu der schmelzenden Musik und den jähen Rhythmen zu schreiten." Ebenso bemüht im Schulbuchstil sind die Dialoge, die aus entscheidenden Passagen einen steifen Lehrauftritt machen.

Als es darum geht, welche Werte stärker sind, und als Christin mit ihrem Vater zu ergründen sucht, warum der einst geliebte Bruder zum Terroristen wurde, bleiben sie fatal an der Oberfläche der Phrasen. So auch die inhaftierte Katharina Blumenschläger, die erkennen will, dass Ordnung gut tue: "Welch ein wunderbares Korsett die Disziplin sein kann", schreibt sie an Frau Zurek. Niemand kommt dabei die historische Betrachtung in den Sinn, wo es hinführen kann, wenn Menschen einen Eid als oberste Priorität verstehen wollen.

Wie soll eine holzschnittartige Literatur Einblicke in Gründe wie Abgründe menschlicher Psychen und Gesellschaftsordnungen vermitteln? Wer über Gewalt, Autorität, Gerechtigkeit, Pflicht so grobmaschig erzählt, schafft noch keine Pflichtlektüre. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.2.2005)

Von Klaus Zeyringer
  • Christoph HeinIn seiner frühen Kindheit ein Garten. Roman. € 18,40/271 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2005.
    buchcover: suhrkamp

    Christoph Hein
    In seiner frühen Kindheit ein Garten.
    Roman. € 18,40/271 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2005.

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