Mit "Risikokommunikation" gegen Lawinen

6. Februar 2005, 20:45
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Mit widersprüchlichen Verhaltensweisen reagieren Menschen auf Lawinenwarnstufen und andere Naturgefahren.

Wien – Der Umgang der Menschen mit Naturgefahren werde immer widersprüchlicher, diagnostiziert Maria Patek, Abteilungsleiterin für Wildbach- und Lawinenverbauung im Lebensministerium.

No risk, no fun

Der „Lust am individuellen Risiko“ – etwa wenn Skifahrer trotz hoher Lawinengefahr in gesperrte Tiefschneehänge einfahren – stehe der Wunsch nach totaler, durch die Gesellschaft garantierte Sicherheit gegenüber. Dabei, so Patek, könne im freien Berggelände für Lawinensicherheit niemals eingestanden werden: „Das würde die Kapazitäten der öffentlichen Hand überfordern.“ Dazu, so ergänzt Gerhard Mannsberger, Sektionschef der ministeriellen Abteilung zum Schutz gegen Naturgefahren, komme noch ein „zunehmend virtueller Zugang der Menschen zur Natur“.

Für die kommenden Tage hegt Mannsberger daher große Befürchtungen: „Es wird wärmer, und wenn die Sonne lacht und der Pulverschnee lockt, wird mancher nicht widerstehen können.“ Und zwar trotz Warnstufe fünf in den Zentralalpen – der „höchstmöglichen Lawinengefahr“.

Bei Kindern beginnen

Hier müsse in Zukunft „Risikokommunikation“ eingreifen, meint Patek: die systematische Schaffung von Gefahrenbewusstsein in der Bevölkerung. Schulkinder in alpinen Regionen etwa, die – wie in Frankreich bereits praktiziert – im Rahmen von Projektunterricht Gefahrenzonenpläne für den eigenen Wohnort erstellten, würden als Erwachsene wohl nicht zu den Risikoskifahrern gehören.

Insgesamt, so die Expertin, nähmen Sachschäden durch Naturkatastrophen (Lawinen, Muren, Hochwasser, Steinschlag, Sturm) kontinuierlich zu, in Österreich wie international. Die Mittel zur technischen Gefahrenabwehr hingegen seien endlich: Hundert Millionen Euro pro Jahr zahlen Bund, Länder und Gemeinden, 70 Millionen zusätzlich die Bundeswasserbauverwaltung, für die Abwehr von Naturgefahren. Da außerdem auch bereits bestehende Schutzbauten Folgekosten zeitigen – im Fall der 300 Kilometer bereits errichteter Lawinenschutzbauten etwa 0,5 bis ein Prozent der Errichtungssumme jährlich – kommt der Schadensprävention eine immer wichtigere Rolle zu. Etwa in Form eines „Einsatzinfosystems“, das per Internet Lawinenwarnungen so rasch wie möglich unter Wirten und Skihüttenbetreiber verbreiten soll.

Gefahrenzonenplan

Dieses System hat die Fertigstellung des so genannten Gefahrenzonenplans zur Voraussetzung: eines flächendeckenden Katasters über bestehende Naturgefahren in sämtlichen heimischen Siedlungsgebieten, der in die Raumordnungsgesetze der Bundesländer einfließen soll. Bis 2010 will man diesen Plan für ganz Österreich fertig haben. Bis dahin, so Mannsberger, wird man Lawinenwarnung weiter von den Warndiensten der Bundesländer unter die Leute bringen – „konventionell, aber durchaus effizient“. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 05.02.2005)

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