Die Seele, ein bescheiden' Ding

8. Februar 2005, 20:17
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Pianisten-Jungstar Lang Lang: technisch virtuoses Gefühlsposing

Wien - Es war überirdisch. Technisch von einem anderen Stern, musikalisch ein ekstatischer Taumel der Extreme. Die Tastenkollegenschaft Kissin, Say, Fellner: Bitte üben gehen! Welche Preisungsvokabeln sollen für Lang Lang aus China aufgefahren werden: Blizzard? Hexer? Tasten-Houdini? Aber bitte, aber gern. Noch Wünsche? Musik, bitteschön! Musik, der Seele liebste Labung. Und die Seele, ach, sie ist ein bescheiden' Ding: Ein Stückchen Brot, resch und saftig, macht sie so glücklich und satt wie das delikateste Menü der Welt.

Was Lang Lang bei seinem Recital im Konzerthaus auftischte? Eine Folge klingender Leckerbissen, so virtuos präsentiert, dass ihm dafür hurtig eine Hand voll Hauben zu verleihen gewesen wären; ein klangkulinarisches Feuerwerk ohnegleichen, das nach vielen Ahs und Ohs aber den letzten Gang allen artistischen Mirakels gehen sollte: den des Verpuffens.

Spiegel und Süddeutsche Zeitung duellierten sich in den letzten Tagen bezüglich der künstlerischen Wertigkeit des jungen Tastentitanen: "wahrlich ein Super-Virtuose" (die Münchener) oder doch nur "Poseur" (Hamburg)? Nie ruhte Wahrheit kommoder auf (ebendiesen) zwei Lagern als in Lang Langs Fall. Alles Musikmachen ist bei dem Chinesen Pose, doch nie passierte diese virtuoser als bei ihm.

Anders formuliert: Lang Lang hat nichts zu sagen, das aber tut er mit unvergleichlicher rhetorischer Brillanz. Der in Peking grundausgebildete, im US-amerikanischen Philadelphia fein geschliffene Artist musiziert nicht, er betreibt bestaunenswert perfektes, einfallsreiches, grenzexzentrisches Klangstyling, Stimmentuning, Gefühlsposing. Das funktioniert ganz wunderbar bei Stücken, die von sich aus dem Zauber des Effekts huldigen: Die hypervirtuosen Wiedergaben der beiden Gustostückerln des begnadeten tonsetzenden Showman Franz Liszt (Sonetto del Petrarca Nr. 104 und Ungarische Rhapsodie Nr. 2 in der Horowitz-Bearbeitung) sollten Lang Lang stehende Ovationen des Großen Konzerthaussaales erleben lassen.

Bei Chopins h-Moll-Sonate - Piotr Anderszweski setzte sie erst vor Kurzem in den Sand allzu großer Nüchternheit - ließ der 22-Jährige das Largo im perfekt gestylten Grab des Manierismus versterben; die Tändeleien von Mozarts Sonate K 300h versprühten nicht mehr als glatte, harmlose Nirosta-Heiterkeit.

Tänzelte da Julie Andrews die blitzsauberen C-Dur-Skalen rauf und runter, mit einem ewig gleichen, keimfrei-koketten Lächeln auf den Lippen? Sie tat es. DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.2.2005)

Von
Stefan Ender
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