Multikulti "hat nicht ausgedient"

7. Februar 2005, 11:43
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Migration und Minderheitenschutz sind nicht einfach unter einen Hut zu bringen - Britisches Innenministerium plädiert für Integration

Wien - Polizeibeamte mit Sikh-Turbanen oder jüdischen Kippahs, Polizistinnen mit muslimischen Kopftüchern? In Österreich (noch) undenkbar, in Großbritannien hingegen Alltag. Und darauf ist Patricia Scotland (48), Staatssekretärin im britischen Innenministerium, "sehr stolz", wie sie Freitag bei einer von der britischen Botschaft in der Wiener Diplomatischen Akademie veranstalteten Konferenz zum Thema Minderheitenschutz sagte. Ihr Credo lautet: "Integrieren, nicht assimilieren."

Das erfolgreiche Image Großbritanniens als multikultureller Schmelztiegel ist zwar derzeit angekratzt, vor allem muslimische Minderheiten fühlen sich laut jüngsten Umfragen bedeutend unsicherer als noch vor zehn Jahren und kapseln sich in zunehmendem Maß ab. Doch Scotland zeigte sich im STANDARD-Gespräch am Rande der Konferenz überzeugt davon, dass ihre Heimat, so wie jedes andere Land auch, von der Vielfalt ethnischer Minderheiten weiterhin nur profitieren könne. "Die multikulturelle Gesellschaft hat nicht ausgedient."

Acht Prozent der britischen Bevölkerung sind außerhalb des Vereinigten Königreiches geboren, die meisten davon in einem der zahlreichen Commonwealth-Staaten. So auch Patricia Scotland. Sie kam auf der karibischen Insel Dominica zur Welt, zwei Jahre später emigrierte die Großfamilie (zwölf Kinder). 1991 schrieb Patricia Scotland britische Geschichte als sie als erste farbige Anwältin Queen's Council (Kronanwalt) wurde, sechs Jahre später wurde sie geadelt. Ihr Name lautet seither Baroness Scotland of Asthal in the County of Oxfordshire.

"Rising Star"

Unter Premier Tony Blair wurde sie zum "Rising Star" der Labour Party. Seit Juni 2003 ist Scotland Staatssekretärin im Innenministerium, zuständig für Reformen des Strafrechts und des Justizsystems. Außerdem fungiert sie als Kabinettssprecherin in Gleichbehandlungsfragen.

Als sie am Freitag in Wien ankam, fiel ihr gleich einmal ein auf eine Hausmauer geschmiertes "Nigger" auf. "So etwas habe ich schon lange nicht mehr gesehen", meinte die Politikerin betrübt. In Großbritannien würden rassistische Delikte mit Haftstrafen von bis zu sieben Jahren sanktioniert, doch grundsätzlich sei Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe selten. Was in erster Linie auf die erfolgreiche historische Einwanderungspolitik in ihrer Heimat zurückzuführen sei.

Nazi-Symbole Die historischen Unterschiede in den Staaten Europas machten es auch so schwierig, auf EU-Ebene eine einheitliche Gesetzgebung zu schaffen. Nazi-Symbole etwa sind in Österreich und in Deutschland verboten, in Großbritannien hingegen legal. Nach dem jüngsten Zwischenfall mit Prinz Harry, der zu einem Faschingsfest in Nazi-Montur erschienen war, hatten viele EU-Politiker eine einheitliche Gesetzgebung auf EU-Ebene gefordert.

Scotland ist dagegen. "Bestehende Verbote in bestimmten Ländern sind verständlich und richtig", sagt sie. In Großbritannien aber werde das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit höher bewertet.

"Außerdem", gibt sie zu bedenken, "haben die Nazis beispielsweise das Hakenkreuz gestohlen und für ihre Zwecke missbraucht. Für Hindus ist es ein religiöses Zeichen, und in Großbritannien leben viele Hindus." (DER STANDARD, Miachel Simoner, Printausgabe, 5./6. 2.2005)

  • Baroness Patricia Scotland, in der Karibik geborene Staatssekretärin
im britischen Innenministerium, hielt in Wien ein
Plädoyer für eine ethnisch vielfältige Gesellschaft.
    foto: standard/urban

    Baroness Patricia Scotland, in der Karibik geborene Staatssekretärin im britischen Innenministerium, hielt in Wien ein Plädoyer für eine ethnisch vielfältige Gesellschaft.

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