Der Langeweile tödliche Lust

11. Februar 2005, 14:41
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Isabelle Huppert fasziniert im Pariser Odeon Théâtre de l'Europe in der Rolle von Ibsens "Hedda Gabler"

Isabelle Huppert verkörpert im Pariser Odeon Théâtre de l'Europe Ibsens "Hedda Gabler". Und fasziniert in der Inszenierung von Eric Lacascade mit einer rätselhaft-komplexen Rollengestaltung.


Das Rätselhafte der Hedda Gabler, Titelheldin von Henrik Ibsens 1891 uraufgeführtem Schauspiel in vier Akten, steht im Zentrum der Inter- pretation von Isabelle Huppert. Gemeinsam mit dem französischen Regisseur Eric Lacascade, dem Leiter des Dramatischen Zentrums Normandie in Caen, kreiert sie im Pariser Odéon Théâtre de l'Europe eine komplex tiefenpsychologisch gedeutete Hedda inmitten einer rigoros klaren Inszenierung.

Lacascades Bühnenbildner Philippe Marioge hat eine Palisander-Wohnlandschaft mit zwei Sitzbänken gebaut. Ein mit Wasser gefülltes, flaches Glasquadrat ist in den Boden der hinteren Bühnenfläche integriert. Diese drei Elemente symbolisieren die wechselnden Dreiecksbeziehungen, die sich auf den Sitzbänken etablieren. Wenn Hedda sich den tödlichen Schlussschuss in die Schläfe gibt, liegt sie dekorativ auf dem Glas-Wasser-Lichtquadrat.

Zu Beginn der Vorstellung entpuppt sich eine Frauengestalt mit Hut und Mantel, die man im Schummerlicht für Isabelle Huppert hält, als die Tante (Elisabetta Pogliani) ihres Mannes, des jungen Gelehrten Jörgen Tesman. Diese hat das Haus für das monatelang auf Hochzeitsreise weilende Paar hergerichtet und empfängt den heiß geliebten, naiv-beschränkten Neffen (Pascal Bongard) - der von der verehrten Ersatzmutterfigur der Tante nahtlos zur vergötterten Figur der schönen Generalstochter Hedda Gabler überwechselte.

Heddas kaltschnäuzig-frigide Ablehnung ihres uninteressanten Mannes (sowie aller Verehrer) ist in dieser Inszenierung vielschichtig: nicht nur die Titelheldin ist liebesunfähig, sondern auch die Männer, die sie begehren: Tesman ebenso wie der geniale, lebenshungrige Eilert Lovborg (Christophe Grégoire), der Hedda interessierte, genauso wie der machiavellistische Jurist Brack (hinreißend: Jean-Marie Winling). Sexuelles Begehren wird als Machtspiel entlarvt. Heddas Lustempfinden reduziert sich einzig auf Macht über ihre Mitmenschen. Und zwar auf sadistische, perverse, berechnende, kalt manipulierende Weise, die gleichzeitig kindliches Spiel ist und gekonnte Verführung.

Chabrol trifft Haneke

Ihre Verweigerung der Sexualität wird von Huppert/Lacascade psychoanalytisch ausgelotet. Einzige Interpretationshilfe ist Heddas Satz "Meine Bestimmung ist tödliche Langeweile". Wobei Isabelle Huppert erklärt, dass der etymologische Ursprung des französischen Wortes "Langeweile" identisch mit "Hass" ist. Den von Langeweile zu Hass und Zerstörungslust führenden Bogen spielt Huppert mit darstellerisch minimalistischen, extrem nuancierten - und deswegen umso effizienteren - Mitteln. Heddas Leben wird zum Provinzkrimi à la Claude Chabrol, ihre masochistischen Impulse führen zu Aktionen wie bei Elfriede Jelinek/Michael Haneke, ihre kühle Verführungskunst erinnert an ihre Verkörperung der Kameliendame.

Ihre Hedda Gabler ist die Summe ihrer Film- und Bühnenerfahrung. Noch nie war Huppert am Theater so glaubwürdig, überzeugend, faszinierend - wesentlich unterstützt durch das insgesamt präzisest agierende Ensemble. Der Brack des Jean-Marie Winling ist ein genießerisch-eleganter Gegenspieler, mit dem sich Huppert sichtlich wirklich amüsiert.

Der junge Chistophe Grégoire als Lovborg ein leidenschaftlicher Loser, den Hedda - aus enttäuschter Liebe und Eifersucht - kalt in den Tod treibt. Die ihn retten wollende Thea Elvsted wird von der wild entschlossenen Norah Krief als naive und manipulierbare, aber würdevolle junge Frau dargestellt. Lacascade hievt diese französische Inszenierung auf europäisches Theaterniveau mit Huppert als Mystery Woman in der Einsamkeit ihrer Wohnlandschaft. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.2.2005)

Von
Olga Grimm-Weissert aus Paris
  • Isabelle Huppert als Hedda Gabler: 
ein von Langeweile zu Hass und Zerstörungslust führender Bogen, dargestellt mit extrem nuancierten Mitteln.
    foto: odeon théâtre

    Isabelle Huppert als Hedda Gabler: ein von Langeweile zu Hass und Zerstörungslust führender Bogen, dargestellt mit extrem nuancierten Mitteln.

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