Armes, reiches Österreich

4. Februar 2005, 19:23
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Am untersten Ende des allgemeinen Lebensstandards hat es in den letzten Jahren eine Verschlechterung gegeben - Eine Kolumne von Hans Rauscher

Obdachlose und Bettler (nicht nur solche aus Osteuropa, sondern auch "heimische") sind häufiger geworden auf den Straßen Wiens. Es spricht im übrigen für die Geisteshaltung der Politik, dass diese Leute von Polizei und anderen Behörden im Großen und Ganzen nicht aggressiv behandelt werden. Jedenfalls hat es offenbar am untersten Ende des allgemeinen Lebensstandards in den letzten Jahren eine Verschlechterung gegeben.

NGOs klagen auch darüber, dass öffentliche Mittel gekürzt werden. Steigt deshalb in Österreich die Armut flächeneckend an? Diverse Studien und ihre Interpretation in den Medien erwecken diesen Eindruck. Zuletzt wurde auch der soeben veröffentlichte "Bericht über die Soziale Lage 2003-2004" des Sozialministeriums so interpretiert.

Das ist teilweise eine Irreführung, die nicht gut ist für eine rationale Diskussion eventuell zu treffender Maßnahmen. Besonders die Aussage des Berichts, dass hierzulande die Vermögen wachsen und die Einkommen sinken, ist eine polemische Gegenüberstellung, die einen simplen Umstand außer acht lässt.

In den letzten Jahrzehnten hat eine breite Vermögensbildung auch beim Mittelstand und beim unteren Mittelstand stattgefunden. Die Spareinlagen und Investmentfonds sind geradezu explodiert. Es handelt sich hier nicht um superreiche Couponschneider und Rentiers, sondern um Millionen Bürger, die sich etwas erspart haben. Das ist der relevante Vermögenszuwachs und nicht die paar Superreichen, von denen man in den Illustrierten liest. Das sind die Vermögenswerte, auf die sich die begehrlichen Blicke diverser Politiker (leider hauptsächlich bei den Sozialdemokraten und den Grünen) richten, die gerne "gestalten" (= Steuern und Staatsquote erhöhen) möchten.

Österreich ist nach einer Statistik der OECD das sechstreichste Land der Welt, das drittreichste innerhalb der EU. Solche Rankings sagen an sich noch nicht viel, weil es reiche Länder gibt, wie etwa die USA oder auch Japan, wo der gesellschaftliche Reichtum entweder bei superreichen Individuen oder Institutionen steckt und die große Masse relativ wenig hat, bzw. wie in den USA ein großer Teil der Bevölkerung wirklich arm ist. Es kommt auf die Verteilung an und die ist in Österreich relativ gleichmäßig. Spielereien, dass das Pro-Kopf-Vermögen der reichsten 60.000 Österreicher (ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung) mit 5,4 Millionen Euro hundertfach höher ist als das der restlichen 90 Prozent (56.000 Euro) sind eben nichts anderes als Spielereien. Jeder, der durch Österreich fährt, kann mit freiem Auge feststellen: es gibt einen ziemlich breit gestreuten, relativen Wohlstand, was z.B. anreisende Bush-Leute erstaunt feststellen.

Selbstverständlich gibt es ziemlich viele Leute (13 Prozent), die armutsgefährdet sind, große Familien und Alleinerzieher(innen) gehören sicher dazu. Ein anderer Trend ist noch gar nicht richtig erfaßt: wie wirken sich die ganzen Kürzungen, downgradings usw. vor allem im privaten Sektor aus, die seit einigen Jahren vor sich gehen? Die Realeinkommen stagnieren jedenfalls. Hier ist der wirkliche Ansatzpunkt: wie kommen wieder mehr Leute ins (mehr) Verdienen, wie sichern wir den Wirtschaftsstandort Österreich?

In fünf Jahren sind wir abgehängt, wenn sich nichts tut, sagt der neue Chef des Wifo. Das Problem ist nicht, ob jetzt der "Reiche" zu seiner Wiener Wohnung noch ein Wochenendhaus, ein Wertpapierkonto mit 70.000 € drauf und einen größeren Mittelklassewagen hat, während der "Arme" mit Gemeindewohnung, Schrebergarten und gebrauchtem Kleinwagen darben muss, sondern ob beide noch in ein paar Jahren einen guten Job haben. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6. 2.2005)

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