Mit Posterin Alice im Wunderland der Foren

14. Februar 2005, 21:03
80 Postings

Die Foren ... das ist eine Geschichte für sich; nicht zuletzt ist es auch die Geschichte der leicht abgewetzten Taste [lösch]

Neulich treffe ich im freundlichen Möbelhaus eine ehemalige Redaktionspraktikantin wieder. Wir unterhalten uns über ihre Zeit bei derStandard.at, und dann fällt – mit Nachdruck gesprochen – der Satz: "Aber das, was mir am meisten in Erinnerung bleiben wird, ist die Forenwartung." - Tja, die Foren ... das ist eine Geschichte für sich; nicht zuletzt ist es auch die Geschichte einer leicht abgewetzten Taste mit der Aufschrift [lösch].

Jürgen Doppler
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Der Eisprung

derStandard.at hat viele Geburtsstunden – eine der prägendsten war mit Sicherheit die Einführung der Foren. Dahinter steckt die schlichte, aber geniale Idee, es den UserInnen zu ermöglichen, jeden einzelnen Artikel mit einem persönlichen Kommentar zu versehen. Und fast noch wichtiger: auf diese Kommentare ebenfalls zu antworten bzw. zu posten. Daraus erwächst eine in sich verästelte Baumstruktur, die mitunter ungeahnte Ausmaße annehmen kann: Bis in den vierstelligen Bereich können sich die Postings zu einem Artikel im Extremfall hocharbeiten. Das ist dann optisch ein bisschen so, als würde eine Pfauenschleppe an einem Spatz baumeln.

In der Anfangsphase gingen die Postings noch direkt online; warum sich eine vorherige Sichtung bald als besser erwiesen hat, kann sich jede/r mit einem Klick auf Medien, die diesen Arbeitsaufwand scheuen, vor Augen führen. Zwar ist nur ein Bruchteil der Postings aus dem einen oder anderen Grund nicht veröffentlichbar, aber wie heißt es doch: Schon ein schiefer Zahn verschandelt das schönste Gebiss. So kamen die Foren also zu ihrer Wartung.

Das sorgte kurzfristig für aufgebrachte Beschwerden an den virtuellen "Herrn Zensor". Bis eine Mitarbeiterin den Fehler machte, einem [lösch]-Kandidaten von ihrer persönlichen EMail-Adresse aus zu antworten. – Warum das ein Fehler war? Nun, wir arbeiten im Internet, der Welt der Pseudonyme bzw. Nicks, und unsere AnsprechpartnerInnen sind in der Regel nicht Frau Hertha Pfrnak und Herr Robert Meiermüller, sondern "Rigor Mortis", "Alice im Wunderland", der "Chef-Servierknecht mit dem schrulligen Fez" oder "der schönste Mann von Wien" (auf das erbetene Beweisfoto warten wir übrigens immer noch vergeblich).

Die lieb gemeinte Antwort ging jedenfalls wie ein geschlechtsumwandelndes Lauffeuer durch die UserInnenschaft, und binnen zwei Wochen schrieben alle nur noch an die – immer noch virtuelle – "Frau Zensor". Und bloß eine weitere Woche dauerte es, bis eine krause Form des Den-Gedanken-Weiterspinnens einen zuvor Gelöschten zum Posting verführte: "Frau Zensor, haben Sie wieder Ihren Eisprung?" Das trug frau auch bei der Zwillingsschwester dieStandard.at mit Humor; nichtsdestotrotz war es natürlich ein Fall für [lösch].

Word up!

Die Grundregeln respektvoller Kommunikation werden am Ende jedes Artikelforums – inklusive sublimer Botschaft – in Erinnerung gerufen: "Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen, zu entfernen."

Die Auslegung erfordert Fingerspitzengefühl ... und im Notfall auch Ergänzung. Mutiert die Forendiskussion zum mit Versalien und Ausrufezeichen ausgetragenen Duell, fällt im schriftlichen Kugelhagel als Erstes die Netiquette. Geschieht dies wiederholtermaßen, kann sich ein freundlich, aber bestimmt formulierter Ordnungsruf wohltuend auswirken. ODER MÖCHTEN SIE ETWA DAUERND VON EINER PERSON SCHRIFTLICH ANGEBRÜLLT WERDEN??? NEIN????!!!?? Na eben, die Mehrzahl der UserInnen auch nicht. Also [lösch].

Homöopathisch eingesetzte Mahnrufe zu mehr Rücksicht stießen stets auf ein überwältigend positives Echo in der UserInnenschaft. Denn ob Ulk oder Ernst – letztendlich wollen alle nur das eine: die Diskussion am Leben halten.

750 Zeichen stehen pro Posting zur Verfügung. Wer sich als PoweruserIn mit persönlichem Logo registrieren lässt, erhält den doppelten Raum. Und auch wenn manchen selbst das noch nicht ausreicht und sie sorgfältig nummerierte Traktate in Serie posten – die meisten UserInnen mögen es kurz. Das ist auch das Erfolgsgeheimnis einiger Sonderrubriken auf derStandard.at wie den "Pop-Perlen", für die die Kulturredaktion die UserInnen dazu aufrief, ihre Lieblingszeilen und peinlichsten Verhörer aus Popsongs zu posten. Oder die Rubrik "Dumm(?) gefragt" in der Wissenschaft, in der um Erklärungen für zumeist nicht erklärbare Phänomene gebeten wird. Den meisten Zulauf hatte hier übrigens weder die Frage nach der teuersten Substanz auf Erden noch die, wohin sich ein expandierendes Universum eigentlich ausdehnt, wenn es doch außen per definitionem nichts mehr gibt ... nein, es war die wahrhaft universale Frage, die alle bewegt: "Warum wird mein Posting nicht freigeschaltet?"

Lalle kras?

Eine Sonderrolle im Wunderland der Foren nahm bald das Psoten ein. Geboren aus der Alltagsnot des Vertippens wurde daraus recht schnell eine eigenständige Kunstform, bei der entweder (unter Zulassung leichter Adaptionen) die Sachtbubenfolge so verwirrdreht, dass sich neuganzer Gin ersiebt ... rode schilcht rinnehlab sed Torws tervuascht driw. Sal clebsswetzk. Als OnlineredakteurIn lernt man recht schnell, so etwas flüssig zu lesen ... flüssiger jedenfalls als Postings, die med ana schwoazzn dintn verfasst wurden, soll heißen: im Dialekt. Das fordert wirklich, doch Frust ist kein [lösch]-Kriterium und durch den sprachlichen schtzngrmm muss man eben durch.

Deftiger Dialekt kommt zugleich in einer weiteren Ausdrucksform, die dem Psoten allmählich den Rang abläuft, zum Großeinsatz: dem Dramolett. Hier ein Auszug aus einem anlässlich der Richterproteste im November 2003 geposteten Dramolett; die Handlung bestreiten 900 Richter und ein uneingeladener Justizminister Böhmdorfer im brennenden Justizpalast:

Böhmdorfer: A oboatige Bagasch seids, des hot da Berlusconi schon supa eakonnt!
Zwischenruf: Aufhören! Schweinerei!
Böhmdorfer: Aber jetz wird gschissen auf eich. Wäu jetz mei Rechtsstoot kummt. Oba richtig!
Tumult. Die Feuerwehr spült Minister und Stehpult von der Bühne.

... Szenen und Dialoge, die das Leben vergessen hat zu schreiben – unsere UserInnen rufen sie ins kollektive Gedächtnis zurück. Und da hier die Freiheit der Kunst gilt, darf die [lösch]-Taste zumeist ruhen. Wer jetzt verwirrt ist ... hat das Wesen der Foren verstanden, denn genau das sind sie: ein wild wucherndes, anarchisches, wunderbares, Nerven zersägendes, liebenswertes und immer wieder verblüffendes – kurz: ein lebendiges – Geschöpf. Unser Kind treibt uns zwar oft genug den Schweiß auf die Stirn, aber wir lieben es und möchten es nicht mehr missen. Ohne Foren wäre derStandard.at einfach nicht mehr er selbst.

In der Redaktion wurde deshalb schon die Idee geboren, Spartacus-artige Bekenner-TShirts anfertigen zu lassen: "Ich bin ZensorIn bei derStandard.at!" – Mag der eine oder die andere den Anblick auch erwidern mit: [lösch].

  • Ich glaube, Sie tun dem Internet Unrecht. Vergleichen Sie es doch einmal mit anderen Medien: Was in der Zeitung erscheinen darf, bestimmen Chefredakteur und Herausgeber. Was im ORF gesendet werden darf, bestimmt der Bundeskanzler. Dagegen sind wir ja im Web richtig gut dran. Immerhin können wir hier ungeniert den Mächtigen die Pest an den Hals wünschen, und kein Bush, kein Putin und kein Wojtyla kann irgendwas dagegen tun. Der Standardzensor natürlich, der schon. Aber der ist eh ganz ein Netter!Der schreckliche SvenDer Standard gibt einem das Gefühl, selbst die Zeitung mitzugestalten. Habe noch vormittags gepostet, dass das ursprüngliche 'Willie' nicht stimmt und dabei auch einen, immer noch falschen, Vorschlag (Wheely) gemacht. Das kommt in den Artikel rein und gleich
gibt's eine Abstimmung, weil sicher wer anderer die wirklich richtige Variante gepostet hat. Wie eben der Slogan eines Sportsender: Mittendrin statt nur dabei.
Das ist mit ein Grund, warum der Standard die beliebteste Onlinezeitung in Österreich ist.Marcel Kolbe
    foto: derstandard.at

    Ich glaube, Sie tun dem Internet Unrecht. Vergleichen Sie es doch einmal mit anderen Medien: Was in der Zeitung erscheinen darf, bestimmen Chefredakteur und Herausgeber. Was im ORF gesendet werden darf, bestimmt der Bundeskanzler. Dagegen sind wir ja im Web richtig gut dran. Immerhin können wir hier ungeniert den Mächtigen die Pest an den Hals wünschen, und kein Bush, kein Putin und kein Wojtyla kann irgendwas dagegen tun. Der Standardzensor natürlich, der schon. Aber der ist eh ganz ein Netter!
    Der schreckliche Sven

    Der Standard gibt einem das Gefühl, selbst die Zeitung mitzugestalten. Habe noch vormittags gepostet, dass das ursprüngliche 'Willie' nicht stimmt und dabei auch einen, immer noch falschen, Vorschlag (Wheely) gemacht. Das kommt in den Artikel rein und gleich gibt's eine Abstimmung, weil sicher wer anderer die wirklich richtige Variante gepostet hat. Wie eben der Slogan eines Sportsender: Mittendrin statt nur dabei. Das ist mit ein Grund, warum der Standard die beliebteste Onlinezeitung in Österreich ist.
    Marcel Kolbe

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