Direct Cinema und unabhängiges japanisches Kino

9. Februar 2005, 18:57
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Retrospektiven zu Frederick Wiseman und Shimizu Hiroshi im Filmmuseum

Wien - Dem US-Dokumentarfilmer Frederick Wiseman und dem japanischen Regisseur Shimizu Hiroshi widmet das Österreichische Filmmuseum seine beiden kommenden Retrospektiven. Wiseman wird anlässlich seines 75. Geburtstags erstmals in Österreich mit einer Schau seines Gesamtwerks gewürdigt (von 10. Februar bis 5. März). Von Shimizu Hiroshi, der zu den großen Filmkünstlern Japans gezählt wird, hier zu Lande aber erst noch entdeckt werden muss, werden zwischen 28. Februar und 9. März 13 seiner Meisterwerke gezeigt.

"Direct Cinema"

Wiseman, 1930 in Boston geboren, studierte zunächst Jus und unterrichtete einige Jahre an verschiedenen juridischen Fakultäten. Seit 1967 arbeitet er als unabhängiger Filmemacher, seit 1971 als sein eigener Produzent. Sein filmisches Werk (bis dato 35 Langfilme) stellt in seiner Komplexität und Integrität ein einzigartiges Dokument der USA seit den 60er Jahren dar, heißt es in der Ankündigung des Filmmuseums. Seine radikale filmische Methode sei dabei stets die gleiche geblieben: "Direct Cinema" ohne Interviews, Talking Heads und Off-Kommentar. Seine Filme kreisen um die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft und zeigen die Kluft zwischen (demokratischer) Theorie und (gesellschaftlicher) Praxis. Als Schauplätze hat er dazu meist öffentliche Einrichtungen in den USA gewählt, darunter Schulen, Krankenhäuser, Gerichtshöfe, ein Warenhaus, ein Kloster und eine Model-Agentur.

Seit Anfang der 1970er Jahre gilt Wiseman bei der US-Kritik als wichtigster Dokumentarist seines Landes. Auch international sind seine Filme bis heute regelmäßig auf den wesentlichen Festivals präsent. Sein neuestes Werk "The Garden" über den Madison Square Garden wird unmittelbar nach der Uraufführung auf der heurigen Berlinale auch im Filmmuseum gezeigt. Wiseman wird von 25. Februar bis 4. März in Wien zu Gast sein, für Diskussionen zur Verfügung stehen und auch eine seiner legendären Lectures über seine filmische Arbeitsweise halten.

Von Studio-Filmen zu unabhängigen Produktionen

Shimizu Hiroshi begann seine Karriere Anfang der 1920er Jahre beim neu gegründeten Studio Shôchiku und stieg mit seinen modernen Melodramen rasch zum gefeierten Star des Studios auf. Später drehte er bevorzugt außerhalb der Studio-Scheinwelt. Nach dem Krieg gründete er seine eigene Produktionsgesellschaft und wurde so zu einem Wegbereiter des unabhängigen japanischen Films. Shimizus Protagonisten - meist Außenseiter oder Ausgestoßene - sind auf Wanderschaft und oftmals ohne klares Ziel. Aus dieser Form der Bewegung leitet sich auch sein persönlicher Stil ab, lange und raffinierte Kamerafahrten, Überblendungen, episodenhafter Aufbau und die Wertschätzung von Schauspielerensembles vor individuellen Einzelleistungen.

"Shimizus Kunst liegt nicht in der großen, anklagenden Geste, sondern im Detail - in der genauen Beobachtung, der spontanen Wendung, der Freude zur Improvisation und der Liebe zum scheinbar Unbedeutenden. Der Charme und Esprit seiner Filme, die Leichtigkeit und das Raffinement ihrer Inszenierung machen Shimizu Hiroshi zu einem großen, einem genialen Meister der kleinen Dinge", so das Filmmuseum. Nach der Wiener Präsentation wird die Schau auch im Deutschen Filmmuseum Frankfurt, im Filmpodium Zürich und im Grazer KIZ zu sehen sein. (APA)

"Frederick Wiseman. Das Gesamtwerk" von 10. Februar bis 5. März und Retrospektive Shimizu Hiroshi von 28. Februar bis 9. März im Österreichischen Filmmuseum, 1., Augustinerstr. 1, Tel. 01/533 7054
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