Patrick Wolf: "Wind in the Wires"

    4. Oktober 2005, 12:11
    posten

    Ein Ex-Werwolf auf der Suche nach innerem Frieden: Der zweite Streich des jungen Genies

    Rhythmisches Krachen und Bersten ahmt die Geräusche eines Zugs nach, darüber entfaltet sich Patricks Stimme, schrauben sich Echo-Chor und Geigen zu einer wahren Hyper-Ballade in den Himmel: So when the birds fly south / I'll reach up and hold their tails / Pull up and out of here. - Selten gibt ein Song so akkurat seine Entstehungsbedingungen wieder wie "Teignmouth", geboren bei einer Eisenbahnfahrt in den Südwesten der britischen Insel: an die Küste, ins Licht, in die Freiheit.

    Freiheit war bereits das unterschwellige Thema von Patricks erstem Album "Lycanthropy" (erschienen auf der Insel 2003, auf dem Kontinent 2004). Auf diesem durch und durch wahnwitzigen Debüt kam sie noch als regelrechtes Frei-Brechen daher, verschlüsselt und zugleich verwoben mit dem chaotischen Erleben des eigenen Heranwachsens und sich Wandelns: Patrick Wolf als selbst(v)erklärter Werwolf.

    "Wind in the Wires" führt dies fort und bringt einen neuen Aspekt ein: den Fluchtpunkt. "The Libertine", der erste Song auf dem neuen Album und zugleich die erste Single-Auskoppelung, gibt mit schnellem Beat und wildem Gefiedel noch einmal das Verlangen nach Flucht aus einer unbefriedigenden (Musik-)Welt wieder. Danach drängt sich aber unwillkürlich die Frage auf: Flucht wohin? "Wind in the Wires" ist der Suche nach Ruhe gewidmet, der Rückbesinnung und auch der Sehnsucht nach Familie. Auch das aber kein Bruch mit Bisherigem: I want two dogs, two cats, a big kitchen and a welcome mat hieß es ja schon auf dem Erstling.

    The work is done and the record pressed /
    Now you're doing battle with the fickle press

    Der Rummel um "Lycanthropy" und das große Echo vor allem der britischen Presse wird reflektiert in "Lands End", dem letzten Song auf "Wind in the Wires" (der zunächst ungewohnt flockig dahindudelt, um schließlich doch noch in ein sperriges Wolf-typisches Finale zu münden). Als Ausweg bot sich die friedliche Westküste an und führte zu einem Album, das deutlich ruhiger ausgefallen ist als sein Vorgänger: Das Folk-Element ist diesmal stärker, speziell in den Texten, die im besungenen Naturerleben die eigene Befindlichkeit widerspiegeln. "Teignmouth" und das auf der Single enthaltene "Penzance" bezeugen die regionale Entstehung des neuen Albums; und auch die meisten anderen Songs drehen sich um Landschaft und Natur.

    Patrick Wolf hat eine Vorliebe für ungewöhnliche und teilweise heute nicht mehr verwendete Instrumente - etwa Dulcimer oder sein Markenzeichen, die Ukulele; dazu natürlich die Geige, an der er eine klassische Ausbildung erhalten hat, oder das Akkordeon. All diese werden auch von ihm selbst gespielt - Synthesizer sind für Patrick Wolf auschließlich dafür da, ihre ureigenen Töne zu produzieren, keinesfalls jedoch die anderer Instrumente nachzuahmen. Doch während auf "Lycanthropy" das akustische Instrumentarium und elektronische Sounds noch wild gegeneinander clashten und kein Song den anderen verwandt schien, sind die vermeintlichen Gegenpole auf "Wind in the Wires" viel stärker innerhalb der Songs integriert: höre etwa "Ghost Song" oder "This Weather".

    And in this drought of truth and invention /
    Whoever shouts the loudest gets the most attention /
    So we pass the mic and they've got nothing to say except: /
    "Bow down, bow down, bow down to your God"

    Es liegt in der Natur der Sache, dass jemand, der genuine, unverwechselbare Musik hervorbringt, erst recht mit anderen verglichen wird, um ihn wenigstens irgendwo verorten zu können. Verweise auf Björk gab es zahlreiche, aufgrund Patricks gewagter Kombination "unvereinbarer" Sounds ebenso wie seiner entrückten feminisierten - oder meinetwegen: elfisierten - Selbststilisierung sowieso seiner Gabe, die Stimme einfach loszulassen und sie auf ihre eigene Umlaufbahn zu schicken. Eine Stimme übrigens, die in den zwei Jahren seit den Aufnahmen zu "Lycanthropy" deutlich gereift und männlicher geworden ist. - Auch die frühe Kate Bush ist ein naheliegender Bezugspunkt: sie scherte sich ebensowenig um Gesangskonventionen und spielte gerne mit mythologischen und literarischen Motiven; Patrick beruft sich seinerseits gerne auf die Stimmkünstlerin Meredith Monk.

    Dass das alles weibliche Referenzen sind, passt einerseits keineswegs zufällig zu Patricks Spiel mit der Geschlechtlichkeit - andererseits lassen sich genausogut Parallelen zur blutigen Metaphorik eines jungen Nick Cave ziehen oder zum Pathos Morrisseys. Patrick Wolf vereint all das in sich - ist aber, zum Glück, nichts davon.

    I am the tragedy and the heroine /
    I am lost and I am rescuing

    Was den Ausnahmekünstler auszeichnet, ist in erster Linie eines: Leidenschaft. Oder genauer gesagt: LEIDENSCHAFT. Wer Patrick Wolf einmal erlebt hat, wie er sich beim Live-Auftritt ohne den Rückhalt einer Band in die Schlacht wirft, bleibt von der Bühnenpräsenz des gerade mal 21-Jährigen nachhaltig beeindruckt. Selbstversunkenheit gepaart mit vehementen Ausbrüchen - ein solcher ist auch auf "Wind in the Wires" enthalten: "Tristan", neben "Teignmouth" der beste Song, entstanden in der Tat nach einem Besuch der Wagner-Oper und anschließendem Interesse für die Etymologie des Heldennamen; knarzig umgesetzt als kurze, heftige Eruption: Sorrow by name and sorrow by nature, ein Schrei aus Wut, Frust und Lebensfreude. My name is Tristan, and I'm alive.

    Was soll man noch sagen? Ein Meisterwerk.
    (Josefson)

    Patrick Wolf:
    "Wind in the Wires"
    (Tomlab/Soul Seduction 2005)

    PatrickWolf.com

    Tomlab

    Soul Seduction

    Nachlese

    Patrick Wolf:
    "Lycanthropy"

    • Artikelbild
      coverfoto: tomlab
    Share if you care.