"Russische Sportler sind kraftvolle Sportler"

4. Februar 2005, 16:25
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Wovon Anton aus Kamtschatka, Dimitrij aus Sachalin und Chefcoach Makeew träumen

Russische Medaillen wird's bei der WM 2005 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht geben. Dafür ist es noch zu früh. Von drei Damen sind zwei nach Verletzungen, erlitten in den Abfahrtstrainings, bereits wieder abgereist aus Santa Caterina. Die Herren logieren in Isolaccia, das liegt etwas oberhalb von Bormio, auf dem Weg nach Livigno.

Vor dem Hotel stehen zwei Kleinbusse mit russischen Kennzeichen. Die wurden, voll gestopft mit Gerät, von zwei Trainern zum Winterbeginn von Moskau in die Alpen chauffiert. Insgesamt besteht das Team aus drei Trainern, einem Arzt und sechs Sportlern. Den Chefcoach mimt ein alter Bekannter des Skisports, Wladimir Makeew, und er erzählt gern von früher, von seinen Weltcuptaten. "Dritter in Schladming. Vierter in Wengen, Sechster in Garmisch, Neunter in Val d'Isère." Am liebsten erzählt er von der WM 1982 in Schladming. "Sechster bin ich geworden. Und der Franz Klammer Siebenter."

Makeew, der seine Karriere 1986 beendete, schickt zwei seiner Burschen. Dimitrij Ulianow (22) aus Sachalin und Anton Konowalow (20) aus Kamtschatka, also zwei Burschen aus dem Fernen Osten. Ulianow bestritt gestern wie drei weitere Russen die Kombi, Konowalow wird den Slalom schmücken. Beide begannen im Knabenalter in ihren Heimaten mit dem Skifahren, weil schon die Väter dies taten, seit drei Jahren sind sie im Nationalteam und studieren in Moskau.

Anton, dessen Vater als Pilot der russischen Luftwaffe arbeitet: "Bei uns in Kamtschatka sind Bode Miller und Hermann Maier sehr bekannt." Kamtschatka, Asiens größte Halbinsel, viereinhalbmal so groß wie Österreich, ist im Rest der Welt für Vulkane (von 160 sind 28 aktiv), Geysire, Braunbären, Riesenseeadler und viel Gegend bekannt. 1996 wurde sie von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Der höchste Berg dort misst 4750 Meter.

Vor zwei Jahren, erzählt Anton, haben sie in dem kleinen Skigebiet in seiner engeren Heimat die uralten Schlepplifte gegen moderne Sessellifte getauscht. Eine Tageskarte kostet umgerechnet 15 Euro. "Bei uns auf Sachalin kostet sie 20 Euro, die Skigebiete auf den kleinen Hügeln in der Gegend um Moskau sind viel teurer", sagt Dimitrij. Dessen Vater arbeitet als LKW-Chauffeur auf Sachalin, einer Insel im Pazifik nördlich von Japan, wo sich die bedeutendsten Erdgasreserven Russlands befinden. 1983 schoss die Sowjetarmee über Sachalin einen koreanischen Jumbo ab.

Anton belegte beim Slalom der Universiade in Seefeld immerhin den vierten Platz. Naturgemäß träumt er von mehr, von Weltcupsiegen und Olympiamedaillen. "Russische Sportler sind kraftvolle Sportler", sagt er. Und der Skisport erlebe einen Aufschwung. "Boris Jelzin spielte Tennis, und fast die ganze Regierung spielte Tennis. Wladimir Putin fährt Ski, und fast die ganze Regierung fährt Ski", erzählt Anton. "Zwei Jahre wird es noch dauern, bis ein Russe ein Weltcuprennen gewinnt", sagt Dimitrij. Die Finanzen sind nicht ihr Problem, für sie ist gesorgt, seit sie im Team sind. "Sorgen hat nur der Coach." Makeew: "Heuer verfügen wir über 250.000 Euro im Jahr. Das ist wenig. Aber wir werden schon noch kommen." Dimitrij hofft auf Putin. "Er fährt gut. Wir kennen ihn, waren schon gemeinsam unterwegs. Manchmal erklären wir ihm auch etwas." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 4. Februar 2005)

Benno Zelsacher aus Bormio
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