Kaminstüberl

14. Februar 2005, 10:36
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Es war gestern. Und weil vis a vis der Redaktion dieses Designerhotel gerade aufgesperrt hat...

Es war gestern. Und weil vis a vis der Redaktion dieses Designerhotel gerade aufgesperrt hat, gingen K. und ich auf einen Drink hinüber. Schick: Die Lounge hat eine nette und gemütliche Bar – und einen Kamin.

Draußen war es grauslich nasskalt. Der Himmel düsterte sich ein. Aber wir flätzten auf dem Sofa und schauten der Flamme zu, die da in der breiten Feuerstelle züngelte. "Diese Wärme", sagte K., "ist was anderes, als das, was eine Heizung kann."

Nur: So rechte Kaminwärme wollte sich nicht breit machen. Und während K. ihren Drink aussuchte, hatte ich mich auf die Suche nach etwas Anderen gemacht: Die tanzende Flamme kam aus dem nichts. Genauer: Aus einem schmalen Spalt am Fuße des Kamins: Keine lodernden Scheiter, keine Glut, kein Schürhaken, kein Holzstoß -­ also auch keine Asche und kein Dreck. Aber eben auch keine echte, knisternde, duftende Kaminatmosphäre.

Der Manager klärte uns auf: das Feuer nähre sich von Biosprit. Oder so. Vier bis sechs Stunden halte ein Tank. Unromantisch – aber effizient. Außerdem passe die Flamme zu den Projektionen oberhalb des Kaminsimses.

Irgendwie waren wir enttäuscht. Und nach etwa einer halben Stunde auch irritiert: Langsam, ganz langsam schlich sich ein seltsamer Geruch in unsere Nasen. Nicht unangenehm, aber eben unkaminig: Der Sprit roch nämlich exakt so, wie jene Feuer, die bei Buffets unter den Warmhaltewannen der Caterer brennen.

Als wir gingen erzählte mir K., dass ihr Freund seit kurzem einen geruchsfreien offenen Kamin besäße. Einen von unten beleuchteten, in einer silbernen Schale sitzenden flammenförmigen Lappen, der von einem Ventilator hochgeblasen würde. "Trotzdem", sagte K., "strahlt das die Illusion von Wärme aus." Als ich nach Hause kam, sah ich über den Hof durch das Wohnzimmerfenster meines Nachbarn: Dort wo früher der Fernseher gestanden hatte, loderte es.

Ich erschrak, sperrte die Wohnungstür auf und rief A., sie solle die Feuerwehr anrufen. A. lachte nur: Die DVD mit dem Kaminfeuer habe auch ihr bei ersten Mal einen Schrecken eingejagt. Am Abend zappten wir durch die Fernsehwelt: Bei "die Burg" saß Sonya Kraus vor einem riesigen Kamin. Echt alt. Das Feuer aber war Fake: Die Fernsehmacher hatten einen Fernseher in den Kamin gestellt und davor ein paar Holzscheiter aufgetürmt.

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