"Sideways": Die Einsamkeit der Connaisseure

26. März 2005, 22:03
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US-Regisseur Alexander Payne hat mit "Sideways" eine melancholische Komödie um zwei gegensätzliche Männer gedreht

– ein Buddy-Movie voller Konflikte, Missverständnisse und burlesker Volten.


Wien – Eine Serie aus Weinverkostungen, gepflegten Abendessen und entspannenden Golfpartien – ungefähr so bukolisch malt sich Miles (Paul Giamatti) den einwöchigen Ausflug ins Santa Ynez Valley, das kalifornische Wine Country, aus. Sein bester Freund Jack (Thomas Haden Church) soll ihn dabei begleiten. Jack wird am Ende dieser Woche heiraten. Er stellt sich die Reise etwas anders vor: Die letzten Junggesellentage will er als Dauerparty mit möglichst häufigem Sex begehen.

Sideways nimmt also bei einer komischen Standardsituation seinen Ausgangspunkt: Zwei Männer in mittlerem Alter, mit denkbar gegensätzlichen Vorstellungen, vor einer Kulisse, die ihre Persönlichkeiten umso deutlicher hervortreten lässt – ein Buddy- Movie, in dem Konflikte, Missverständnisse und burleske Volten unausweichlich erscheinen.

US-Regisseur Alexander Payne, der nach About Schmidt eine weitere Romanverfilmung vorlegt, betrachtet die Grundkonstellation seines für fünf Oscars nominierten Films im Interview mit dem STANDARD so auch als eine archetypische:

"Die Dynamik von Rex Picketts Buch ist eigentlich eine zwischen zwei Seiten eines Mannes: die introvertierte im Widerstreit mit der extrovertierten; ein filmisches Vorbild war für mich Zorba, The Greek. Oder Dino Risis Il Sorpasso, eine Komödie aus den 60ern, in der zwei Männer, ähnlich wie in Sideways, unterwegs sind. Es handelt sich im Grunde um einen philosophischen Wettstreit, der als Komödie ausgetragen wird."

Dass Miles und Jack in keinem Moment wie Figuren von der Stange wirken, liegt nicht zuletzt an der ungewöhnlichen Besetzung. Giamatti führt nach American Splendor eine weitere souveräne Variation des von Selbstzweifeln geplagten Durchschnittsamerikaners vor. Miles hat seine Scheidung noch nicht verarbeitet. Er schreibt an einem Roman, den keiner drucken will. Seine Önophilie ist eine Form von Sublimierung: Auf diesem Gebiet kann er unbeschwert den Experten geben.

Zwanghaft gut gelaunt

Die wahre Entdeckung des Film ist jedoch Haden Church, wie seine Figur selbst lange Zeit TV-Schauspieler (Payne: "Um ehrlich zu sein, ich habe von Haden Church selbst vorher auch noch nie gehört."). Die so vulgären wie narzisstischen Züge Jacks spielt er nie breit aus, er lässt sie mehr wie einen Zwang zur guten Laune erscheinen, der nur die eigene Unentschlossenheit verdeckt.

"Vielleicht wollte ich sogar unbewusst keine Stars, um das Authentische des Films zu verstärken.", erläutert Payne seine Wahl, "Ich mache sehr spezifische Komödien, da muss man mit der Besetzung sehr vorsichtig sein. Das Schlimme am Starsystem ist, dass man der Gefangene der ewig gleichen dreißig Gesichter ist. Ich möchte andere Gesichter sehen, schließlich hat jedes seine eigene Geschichte. Sideways war der erste Film meiner Karriere, für den ich ohne große Stars Geld bekam."

Auf den Eindruck von Wahrhaftigkeit legt Payne generell großen Wert. Die ausgeblichenen Farben des Films sind den strahlenden Oberflächen der gängigen Hollywood- Glanzprodukte bewusst entgegengesetzt. In der Wahl der Schauplätze zeigt sich hier einmal mehr sein Gespür für kommerzialisierte Landschaften und Alltagsorte.

"Ich habe kein wirkliches Design, was Landschaften betrifft.", meint Payne, "Es ist eher ein dokumentarischer Zugang: die Motels, die Restaurants sind Orte, die es dort einfach gibt. Ich mache Komödien über gewöhnliche Menschen, also suche ich Orte, an denen diese sich aufhalten. Ich denke, ich habe eine dokumentarische Sensibilität, die ich auf Spielfilme anwende. Ich suche sozusagen keine Filmversion der Welt; ich will vielmehr zeigen, wie sie ist."

Sideways lässt sich auch thematisch als eine Aktualisierung bestimmter Merkmale des New-Hollywood-Kinos verstehen: das Hinrücken auf alltägliche Personen, die Verhandlung von Männlichkeitskrisen, ein gewisser Hang zum Desillusionismus.

Miles' und Jacks Bewährungsprobe kommt mit dem Auftreten von Maya (Virginia Madsen) und Stephanie (Sandra Oh), zwei Frauen, die vielleicht eine Spur zu eindeutig den jeweiligen Interessen der Männer entsprechen. Vor allem die Gespräche zwischen Miles und Maya, die über die Metaphorik des Weins eher allgemeine Befindlichkeiten verhandeln, gehören jedoch zu den schönsten des Films.

Payne: "Mir geht es immer auch darum, dass der Zuschauer am Film aktiv partizipieren kann – dass bestimmte Leerstellen bleiben. Ich wollte einen Film machen, der aussieht, als wäre er in den frühen 70er gedreht. Alles sollte ein wenig weicher, wahrhaftiger wirken. Hal Ashby, Alan J. Pakula, die frühen Coppola-Arbeiten waren meine Referenzen. US-Filme waren zu dieser Zeit menschlicher und modern. Diese Filme, die ich als Teenager gesehen habe, haben meine Vorstellung vom Kino entscheidend geprägt."

Komik im Detail

Bei aller Detailgenauigkeit vernachlässigt Payne in Sideways aber auch die komischen Situationen nicht. Die Bandbreite des Humors reicht von subtilen Parodien von Weinconnaisseuren bis zu Formen von broader comedy. Höhepunkt letzterer Form stellt der Einblick in eine Suburbia- Hölle dar, in der George W. Bush einen Ehrenplatz erhält.

Es ist zugleich das eindringlichste Gegenbild zur Miles' ursprünglichen Vorstellungen dieses Trips, doch womöglich bringt es ihn auch einen Schritt näher zu sich selbst. Das deutet sich in Sideways am Ende, betont lakonisch, zumindest an. (DER STANDARD, Printausgabe, 04.02.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh



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sidewaysderfilm.at
Foxfilm Verleih
  • Wenn Männer reisen, dann läuft nicht immer alles nach Plan: Miles (Paul Giamatti, re.) und sein bester Freund Jack (Thomas Haden Church) in Alexander Paynes "Sideways".
    foto: fox searchlight pictures

    Wenn Männer reisen, dann läuft nicht immer alles nach Plan: Miles (Paul Giamatti, re.) und sein bester Freund Jack (Thomas Haden Church) in Alexander Paynes "Sideways".

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