Neuer Streit um Medikamentenverkauf im Drogeriemarkt

3. Februar 2005, 18:34
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Dm-Umfrage: Zwei Drittel wollen rezeptfreie Medikamente im Drogeriemarkt kaufen - Apothekerkammer kontert: Keine Alternative zu Apotheken

Wien - Mit einem kuriosen Umfragen-Wettstreit ist am Donnerstag die Diskussion um den Verkauf rezeptfreier Medikamente in Drogeriemärkten neu entflammt.

Die Drogeriemarktkette dm präsentierte eine Umfrage, wonach 62 Prozent der Österreicher die Idee, rezeptfreie Arzneimittel wie Aspirin, Wick VapoRub oder Nasivin nicht nur in der Apotheke, sondern auch in Drogerien und Drogeriemärkten kaufen zu können, "sehr gut" oder "gut" finden. Die Mehrheit der 500 Befragten orte Vorteile bei der Erreichbarkeit, beim Preis und bei den Öffnungszeiten, gab die dm-Führung heute bekannt.

Apothekerkammer kontert mit Gegen-Umfrage

Die Apothekerkammer konterte umgehend: Eine Umfrage des Instituts für Sozialmedizin vom September 2004 habe ergeben, dass 93 Prozent der Befragten es für "sehr wichtig" bzw. "wichtig" erachten, ihre Medikamente "durch den Apotheker zu erhalten". 92,5 Prozent empfinden außerdem die Beratung durch die Apotheker als "sehr gut" oder "gut", heißt es in einer Presseinformation.

Einer weiteren Umfrage - durchgeführt von Fessel-GfK unter 100 Ärzten - zufolge fordern 93 Prozent der Ärzte, dass Arzneimittel in die Hände von Fachleuten gehören. 89 Prozent befürchteten durch die Verfügbarkeit von Medikamenten in Drogeriemärkten "eine vermehrte Einnahme von Medikamenten durch die Bevölkerung", heißt es in der Aussendung. 84 Prozent glauben, dass die Arzneimittelsicherheit nicht mehr gegeben sei.

Dichteres Filialnetz

Die Apotheker argumentieren auch mit dem dichteren Filialnetz, das sie mit 1.170 Apotheken gegenüber den 320 dm-Filialen bieten können, und dem Bereitschaftsdienst rund um die Uhr. Mehr als die Hälfte der öffentlichen Apotheken befänden sich am Land und in Kleinstädten. Allein die Zahl der Nachtdienstapotheken sei mit 400 höher als das dm-Filialnetz.

dm wolle mit dem Verkauf von rezeptfreien Medikamenten nur den stagnierenden Umsatz ankurbeln, so die Apothekerkammer weiter: "Das ist gesetzlich nicht erlaubt."

"Wollen keine Gesetze brechen"

Die dm-Führung sieht das naturgemäß anders: "Wir werden sicher keine Gesetze brechen, aber wir bemühen uns, mit dem Gesundheitsministerium in Kontakt zu treten, um so eine Liberalisierung zu erreichen", sagte Günter Bauer, geschäftsführender Gesellschafter von dm. Man habe bereits angefragt und es gebe auch schon konkrete Vorschläge für Round Table-Gespräche, so Bauer weiter. Gleichzeitig versuche man "Verbündete" zu finden; so seien etwa die Krankenkassen kontaktiert worden. "Es ist klar, dass die Apothekerlobby stärker ist, aber wir haben die Bevölkerung hinter uns", so Bauer.

Nicht verschreibungspflichtige Schmerz-, Husten-, Schnupfenmittel, Salben und Vitaminpillen würden bei dm im Schnitt um 20 bis 30 Prozent billiger sein als in der Apotheke, sagte Bauer, nicht zuletzt wegen des "rationellen Vertriebssystems". Kalkulationen für einzelne Produkte seien derzeit nicht seriös machbar. Vor allem aber würde der Verkauf von Generika, also jener Medikamente, bei denen es bereits günstigere Nachahmerprodukte gibt, angekurbelt. Derzeit liege der Anteil von Generika in Österreich bei rund 10 Prozent, so Bauer.

Derzeit darf dm laut Gesetz 400 der 2300 rezeptfreien Arzneimittel verkaufen. Etwa hundert davon habe man in den Filialen, die restlichen 300 seien "uninteressant", so Bauer. Bei einer Liberalisierung des Medikamentenhandels würde sich dm vor allem Schmerzmittel, Hustensäfte und -tropfen, Nasenspray und Vitaminpräparate in die Regale holen. Mit 1.000 der jetzt den Apotheken vorbehaltenen 1.900 OTC-("over the counter")-Produkten wäre das notwendige Sortiment abgedeckt. Wie diese Produktpalette präsentiert werden soll, dafür gebe es "viel Fantasie", von Shop-in-Shop-Lösungen bis hin zu einer Ausweitung der schon jetzt existierenden Glaskästen.

"Haben in allen 320 Filialen die Kompetenz"

Das Argument der Apotheken, dass in den Drogeriemärkten die Beratung nicht gewährleistet sei und die Ausweitung der Selbstmedikation dem Medikamentenmissbrauch Tür und Tor öffne, lässt Bauer nicht gelten. dm habe 500 ausgebildete Drogisten und 200 in Lehre und damit in allen 320 Filialen die Kompetenz. Zudem erachten laut Spectra-Umfrage 78 Prozent der Befragen ein Beratungsgespräch beim Kauf von rezeptfreien Medikamenten als nicht notwendig, so Bauer weiter. Dem Einwurf der Apotheken, dass in den USA pro Jahr etliche tausend Menschen an den Folgen von rezeptfreien Medikamenten sterben, erwiderte Bauer, dass es Medikamentenmissbrauch "immer gegeben" habe.

In Deutschland wurde ein Test der Drogeriemarktkette, in Kooperation mit einer holländischen Internet-Apotheke Medikamente in den dm-Filialen zu verkaufen, mittels Einstweiliger Verfügung gestoppt, allerdings wurden dort auch rezeptpflichtige Medikamente angeboten. Rezeptpflichtige Medikamente seien in Österreich absolut kein Thema, betont Bauer. Sollten die Vorstöße für eine Lockerung des Medikamentenhandels aber zu lange dauern, könnte er sich hierzulande vorstellen, in Österreich bei rezeptfreien Medikamenten mit einer Internet-Apotheke zusammenzuarbeiten. (APA/red)

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