Stickler: "Die Uhr tickt"

3. Februar 2005, 16:40
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ÖFB-Spitze wegen Klagenfurter Stadion-Farce sehr besorgt - Gutachter prüfen, ob Vergabe-Verfahren trotz Veröffentlichung weitergeführt werden kann

Wien/Klagenfurt - Die vorzeitige Veröffentlichung aller Projektwerber für den Neubau des Klagenfurter Fußballstadions ist ein eindeutiger Verstoß gegen die Vergabeordnung. Vizekanzler Hubert Gorbach (F) erklärte am Donnerstag: "Das Verfahren müsste daher widerrufen werden." Zugleich übte Gorbach Kritik an dieser strengen Regelung, mit der man möglicherweise "über das Ziel hinausgeschossen" sei.

Gorbachs Traum: "Fairer, transparenter Wettbewerb"

Die Geheimhaltung ist in Paragraf 34, Absatz 7 des Bundesvergabegesetzes in der Fassung 2002 geregelt. Wörtlich heißt es darin: "Die Anzahl und die Namen der zur Angebotsabgabe aufgeforderten Unternehmer sind bis zur Bekanntgabe der Zuschlagsentscheidung geheim zu halten." Nach dem 1997 in Kraft getretenen Vergabegesetz, das vor drei Jahren novelliert wurde, hätte das Verfahren laut Gorbach trotz der vorzeitigen Veröffentlichung weitergeführt werden können.

Die Geheimhaltungspflicht bis zur Zuschlagserteilung hätte erst 2002 in dieser Form Eingang in das Gesetz gefunden. Der Vizekanzler meinte, es könne nicht die Intention des Gesetzes sein, "dass jemand, der gegen ein Projekt ist, dieses durch eine Indiskretion - in diesem Fall die Weitergabe der Bewertungsstellungnahme der sechs Bieter an eine Wochenzeitschrift - verhindern kann". Absicht des Gesetzgebers müsse doch sein, dass der Bestbieter zum Zug komme und ein fairer, transparenter Wettbewerb stattfinden könne.

"Hier stehen hunderte Arbeitsplätze auf dem Spiel, der angerichtete Schaden kann in die hunderte Millionen Euro gehen, ganz zu schweigen von den vertanen Chancen für den Standort Klagenfurt", kritisierte Gorbach. Die Causa sei definitiv ein Fall für den Richter. Nun müssten die Gutachter Josef Aicher und Michael Holoubek prüfen, ob man das Verfahren nicht doch noch weiterführen könne. Er hoffe, man werde eine Lösung finden, die sportlich und wirtschaftlich die Erwartungen der Bevölkerung erfülle, sagte der Vizekanzler.

Schweitzer sieht schwarz und doch nicht

"Wenn das Verfahren widerrufen werden muss, dann sehe ich keine Möglichkeiten mehr für Klagenfurt." So lautet der Standpunkt von Sport-Staatssekretär Karl Schweitzer zur aktuellen Situation rund um das Klagenfurter Stadion für die Fußball-EM 2008, dessen Realisierung nach der vorzeitigen Veröffentlichung der sechs eingereichten Projekte stark gefährdet ist. Nun müssten die Gutachter möglichst schnell beurteilen, wie es weitergeht.

"Den Montag müssen wir abwarten. Wenn es dann mit Klagenfurt nicht gehen sollte, müssen wir über Alternativen nachdenken", sagte der Politiker, der aber weiter fest davon ausgeht, dass die EM-Endrunde 2008 in Österreich und der Schweiz programmgemäß stattfinden wird. "Ich bin sicher, dass es eine EM in diesen Ländern geben wird."

ÖFB-Spitze in Sorge

Der Österreichische Fußball Bund (ÖFB) ist über die Vorgänge rund um die vorzeitige Veröffentlichung aller Projektwerber für den Neubau des Klagenfurter Stadions mehr als besorgt. Am Donnerstag vormittag erschienen sowohl ÖFB-Präsident Friedrich Stickler als auch Generalsekretär Alfred Ludwig zur Pressekonferenz und vor allem Stickler betonte noch einmal die möglichen Folgen, die ein Scheitern des Projekts in der Kärntner Landeshauptstadt haben könnte. "Dieser Sabotage-Akt wurde von Brandstiftern in einer Größenordnung vorgenommen, die wir in der Sportpolitik nicht oft erleben."

"Projekt mit vielen Schmerzen"

"Ich hoffe, dass die Obergutachter in ihrem Gutachten, welches Anfang nächster Woche vorliegen sollte, zu dem Schluss kommen, dass das Vergabeverfahren fortzusetzen ist. Ein Abbruch wäre ein Katastrophe für Klagenfurt, Kärnten und Österreich. Bei einer Neuausschreibung wäre der Fertigstellungstermin im Mai 2007 nicht mehr zu halten. Es geht jetzt darum, welcher Schaden ist größer, auf jeden Fall ist das Projekt aber mit vielen Schmerzen verbunden", so Stickler.

Für den ÖFB-Chef "haben eine oder mehrere Personen etwas Unfassbares in Bewegung gebracht. Sogar der Industriestandort Österreich und das Land als Kandidat für künftige sportliche Großereignisse ist gefährdet. Hier wurde versucht, etwas plötzlich in die Luft zu sprengen."

Vier mögliche Alternativen

Über mögliche Alternativ-Standorte wie Linz, St. Pölten, Graz oder das geplante neue Austria-Stadion in Rothneusiedl wollten die Verantwortlichen vorerst noch nicht sprechen. "Wenn Klagenfurt im 'worst case' ausscheidet, dann ist ein Stand herzustellen, der für die UEFA gleichwertig ist. Wir brauchen dann vom Ersatz-Standort aber nicht eine Absichtserklärung, sondern die Garantie, dass am 31. Mai 2007 ein neues Stadion fertig ist. Wir haben der UEFA vier Stadienverträge übergeben und einer davon ist Klagenfurt. Das macht das Ganze so schwierig, denn die Uhr tickt."

Eines ist für Stickler klar: "Ganz ohne Schaden und Schadenersatzforderungen wird es nicht abgehen. Aber das ist wie bei einem Christbaum, den man am 25. Dezember bekommt - auch den wird niemand mehr brauchen." (APA/red)

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