Ein unbeugsamer Hüter des Glaubens

13. Mai 2005, 11:33
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Er wollte der letzte Pontifex des 20. Jahrhunderts sein - Wofür Karol Wojtyla stand und wie er die katholische Kirche regierte

Eigentlich hat das Kreuz mit der Kirche begonnen, als Papst Paul VI. im Jahre 1968 gegen die von ihm selbst berufene internationale Beraterkommission in der Enzyklika Humanae Vitae die Pille verbot. Diese Entscheidung beendete ein Jahrzehnt der Öffnung und des Versuchs eines historischen Kompromisses mit dem westlichen Liberalismus. Johannes XXIII. hatte es gewagt und sein Nachfolger, der Montini-Papst hatte das Vatikanische Konzil nicht nur mitgeplant, sondern auch durchgezogen – bis zu jener folgenschweren Enzyklika.

In den 70er Jahren wurden die Ergebnisse des Konzils zwar nicht zurückgenommen. Realisiert aber wurden bloß einige strukturelle Anliegen und die Liturgiereform. Der Optimismus und der Aktionismus der 60er Jahre wichen einem neuen Pessimismus, vor allem unter den Laien, deren Wünsche nach einer Dezentralisierung der katholischen Kirche enttäuscht wurden. Die Ökumene-Bewegung kam zu einem Stillstand, in der Kurie wuchs die Angst vor einem neuen "Protestantismus".

Kraftstrotzend

Mit der Wahl des polnischen Papstes im Jahre 1978 – nach einer bloß dreimonatigen Regentschaft des als Patriarch von Venedig ins Konklave gegangenen Albino Luciani – kam der kraftstrotzende 58jährige Krakauer Erzbischof ans Ruder: Ein Menschenfischer, ein Medienstar von Anfang an, ein glühender Antikommunist, der mit dem Kommunismus aber eines gemeinsam hatte, den konsequenten Zentralismus. Dazu kam eine Neigung zur Mystik und eine Abneigung gegen über einer allzu liberalen Demokratie – skandinavischen oder holländischem Zuschnitts.

Johannes Paul II. sieht der irische Historiker Eamon Duffy am stärksten in der Tradition von Giuseppe Sarto, der als Pius X. von 1903 bis 1914 regierte und der sich als Anti-Modernismus-Papst präsentierte. Sarto war Seelsorger, Woityla Professor.

Aber an der Spitze des Vatikan stehen sie für ähnliche Ansichten und Maßnahmen. Sarto zog die Konsequenzen aus den ständigen Interventionen der Großmächte, vor allem der Franzosen und der Österreicher. Kaiser Franz Joseph hatte die Wahl des Staatssekretärs Rampolla verhindert, sodaß Sarto zum Zug kam. Der aber entzog sofort allen politischen Mächten das Recht, auf das Konklave Einfluss zu nehmen. Bischöfe wurden nur noch durch den Papst ernannt. Und er wies die Priester an, keine politischen Ämter zu bekleiden. Das kommt uns bekannt vor. Der derzeitige Papst hat erneut dasselbe verfügt – vor allem im Blick auf Süd- und Mittelamerika.

Politische Leistung

Besonders hervorzugeben ist die Rolle des Papstes beim Umsturz in Osteuropa. Wojtyla hat nicht nur enormen moralischen Beistand geleistet, er hat die oppositionelle polnische Gewerkschaftsbewegung Lech Walesas auch finanziell unterstützt. Vor allem hat er auf Seiten der Kirche demonstriert, was Vaclav Havel und Andrej Sacharow auf Seiten der Dissidenten immer wieder fast heroisch durchgehalten haben: dass man keine Divisionen braucht, um Unrechtsregime zu Fall zu bringen.

Zum Unterschied von Havel ist aus Wojtyla jedoch nie ein Demokrat westlichen Zuschnitts geworden. Wie Sarto betrachtete auch dieser Papst den Liberalismus als ein Übel und "liberale Katholiken als Wölfe im Schafspelz".

Internationalisiert

Wie die Regentschaft von Johannes Paul II. im Inneren funktioniert hat, schildert der Jesuitenpater Thomas J. Reese. Der Papst hat die Kurie internationalsiert. Bis auf die Glaubenskongregation, wo immer noch mehr als 50 Prozent Italiener sind, liegt deren Anteil in anderen Abteilungen des Vatikan heute bei höchstens einem Drittel. Mit einem wichtigen Aspekt allerdings: Die meisten Ausländer sind in den römischen Kaderschmieden wie der Gregoriana aufgewachsen und nach Meinung vieler Gesprächspartner des Autors "schlimmer als die Italiener selbst".

Von Chefredakteur Gerfried Sperl

Er wollte der letzte Papst des alten Jahrtausends sein. Mit seiner Willenstärke prägte er auch noch das neue. Mühsam schleppte er sich von Pforte zu Pforte, von Audienz zu Audienz. Karol Wojtyla hat immer wieder den seit dem Attentat von 1981 geschwächten Körper besiegt. Diese Kraft war ein Teil des Charismas dieses Pontifex, sein autoritärer Führungsstil ein Teil der Probleme.
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    Der Papst zu Beginn seiner Amstzeit

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    Johannes Paul II. von seiner Krankeit gezeichnet Anfang 2005

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