Stürmen und drängen

3. Februar 2005, 16:50
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Die schwedische Band Mando Diao revidiert mit ihrem zweiten Album "Hurricane Bar" die Einschätzung, sie sei eine Eintagsfliege

Mando Diao zählen zu jenen Bands, die keine Interviews geben sollten. In diesen entfahren ihr neben heißer Luft hauptsächlich Blödheiten: "Wir sind größer als die Beatles und die Rolling Stones zusammen", verlautbarten die vier anlässlich der Veröffentlichung ihres Debütalbums Bring 'Em In im Jahr 2002. Einem Werk, das seine "Inspi- ration" dann exakt jenen beiden Bands verdankte: einerseits gnadenlos melodieverliebt samt naivem Yeah!-Yeah!-Yeah!-Singsang war und andererseits mit dem Feuer der frühen Stones dargereicht wurde. Also sexuell aggressiv und auf Basis einer hastig gespielten Rhythm-'n'-Blues- Modifikation.

Aktuell entblößt man sich mit Sagern wie "Die besten und coolsten Bands kamen immer aus England!" Als Beleg für derlei Mumpitz werden dann allen Ernstes die Sex Pistols und The Clash gegen Mötley Crue und Guns'n'Roses aufgerechnet. Durchatmen, das Toleranz-Mantra aufsagen. Es wird schon. Denn das ebenfalls irrsinnig lebenserfahrene Zitat "Man muss die Zeit reflektieren, in der man lebt. Mit Rock 'n' Roll funktioniert das höchstens, bis man 30 ist", entschuldigt die Schweden dann gewissermaßen. Verdeutlicht es doch, dass man es mit Milchgesichtern zu tun hat, die in Muttis Volvo vor noch nicht allzu langer Zeit auf dem Kindersitz Platz genommen haben und während des Ikea-Einkaufsbummels in der betreuten Ecke mit den weichen Spielbällen zur Aufbewahrung abgegeben wurden. Unter lautem Protestgeschrei - versteht sich.

So gesehen schien die Einschätzung nach dem Erstling, man habe es bei Mando Diao mit einer Eintagsfliege aus dem Genre des Retro-Rocks zu tun, nicht ganz vermessen. Das nun nachgelegte Album Hurricane Bar revidiert diese Vermutung jedoch. Die Zeit nach Bring 'Em In verbrachten die Schreihälse Gustaf Norén und Björn Dixgård, Schlagzeuger Samuel Giers und Bassist Carl-Johan Fogelklou auf ausgedehnten Tourneen: Als weit gehend unbekannter Anheizer für Bands wie die Hellacopters tourte man ausgiebigst durch Skandinavien - und stahl den etablierten Acts nicht selten die Show. Mittlerweile ist man außerdem "Big in Japan" und verbringt die rare Freizeit nun damit, sich über weibliche Fanpost aus Fernost zu amüsieren.

Unter dem Eindruck dieser Konzertreisen schärfte sich jedoch das Songwriting der Band. Auch das am Debüt noch schludrig wirkende Soundkostüm - tatsächlich besteht Bring 'Em In aus selbst im Probekeller aufgenommenen Demobändern - erfreut Hurricane Bar durch ein geschliffenes Erscheinungsbild, für das der vor allem von U2 her bekannte Produzent Richard Rainey verantwortlich zeichnet. Mit ziemlichem Affenzahn fegen die Mandos durch eine in ihrer Heimatstadt real existierende Bar. Dort, in Borlänge, dem Vernehmen nach eine grauenhafte Industriestadt mit hoher Kriminalitätsrate, labt sich die örtliche Jugend mit Vergessen aus den Zapfhähnen.

Added Family, ein für Mando-Diao-Verhältnisse quasi in Zeitlupe daherkommender Song, wirkt diesbezüglich wie eine spätnächtliche Erkenntnisballade: Geprägt vom Verlangen, sich aus der einen umgebenden Tristesse zu lösen, den Losern vor und hinter der Bar endlich den finalen Finger zeigen zu können, hält man kurz inne. Man beobachtet und rechnet jugendlich zynisch mit einem Teil seiner Vergangenheit ab, bevor man sich wieder dem Tempo, dem Sturm, dem Drang zur Welteroberung hingibt.

Und hingeben tun sich Mando Diao ziemlich. Die Emphase, mit der etwa die beste Nummer des Albums, You Can't Steal My Love, in die Welt getragen wird, erinnert in ihrer Nachdrücklichkeit an ihre Landsmänner von The Hives. Anders als diese ziemlich überschätzten und vergleichsweise eindimensional agierenden Stooges-Wiedergänger fühlen sich Mando Diao aber eben der Melodie verpflichtet. Eine Art Dogma, das das tatsächlich herzerweiternde Gitarrenspiel der beiden dafür Verantwortlichen ebenso einschließt wie den Gesang Noréns, der, wenn er, wie nicht gerade selten, pathetisch wird, an die britischen Manic Street Preachers erinnert: Manic Diao. Man höre diesbezüglich Song Nummer zwölf, All My Senses. Hier wird etwas Druck vom Gaspedal genommen, die Band scheint konzentriert wie selten und lässt den Song, ohne ihn artifiziell zu überhöhen, richtiggehend erblühen.

Mit solch zwingenden Stücken befinden sich die aufgeregten Zappelphilipps am momentanen Höhepunkt ihrer Kunst. Diese bräuchte keine dummen, verbalen Zipfelmessereien mit anderen Bands, denen das ohnehin egal ist. "Let the music do the talking." Das sollten die Jungs dringend lernen. Denn: Mando Diao befinden sich auch ohne ihre an die wenig lichten Gallagher-Brüder von Oasis erinnernden Sprüche auf der Überholspur. (Karl Fluch, DER STANDARD, rondo, Printausgabe vom 4.2.2004)

  • Mando DiaoHurricane Bar (EMI)
    foto: emi

    Mando Diao
    Hurricane Bar (EMI)

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Live am 26. 2. im Wiener Flex
    foto: emi

    Live am 26. 2. im Wiener Flex

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