200-Euro-Jeans

10. Februar 2005, 16:30
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Ein Hoch dem Deppenausweis - Oder: Bella figura macht man, wenn jene nicht vorhanden, auch in sündteuren Jeans nicht

+++ Pro
Von Karl Fluch

Jeder Mensch hat das Recht auf Blödheit. Erinnern wir uns, als mit Nirvana eine Musik ihren Durchbruch feierte, die andere Künstler in den Jahren davor kreiert hatten. Mit Nirvana wurde auch die "Mode" der Grunge-Protagonisten en vogue. Ein Witz: Plötzlich galten Hosen und Hemden als hip, die von ihren Erstbesitzern in die Altkleidersammlung entsorgt worden waren, von wo sie - zerfetzt, zerrissen und ausgelatscht - von jungen, geldarmen Typen mit butterfetten Haaren um eine Hand voll Dollar erstanden wurden: Holzfällerhemden mit der Farbgebung von Erbrochenem, zerfetzte Jeans, löchrige Sneaker.

Als solcherart Gekleidete also zu Superstars aufstiegen und Legionen von Fans sich ebenso zu kleiden begannen, gab es ziemlich schnell auch Designerjeans zu kaufen, die bereits eingerissene Stellen unter den Knien, am Oberschenkel oder - total frivol - südlich der Arschbacken hatten. Diese kunstvoll gesetzten Altersspuren waren moralisch fürsorglich abgenäht, auf dass sie nicht weiter einreißen konnten: Grunge für Opernballbesucher.

Diese "downgraded" Jeans kosteten mehr als neue, nicht zerstörte Jeans. Heute wären und sind das 200-Euro-Jeans. Man kann also sagen, dass derlei Beinkleider vor allem auch als Deppenausweis funktionieren, deren sinnloser Überpreis der Notwendigkeit von Stempelmarken entspricht. Für solche leicht erkennbaren, das Leben aber ungemein erleichternden Hinweise bin ich immer dankbar. Spart Zeit und Nerven - und schützt vor unangenehmer menschlicher Nähe.

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Contra- - -
Von Doris Krumpl

Na ganz logo, die Logomanie auch bei den Jeans, denn manche müssen einfach - Wir glaubten, diese Zeiten seien vorbei! - in dieser Form zeigen, dass sie was Besseres sind. Ganz auf die Niederungen des 08 / 15-Plebs will sich niemand begeben, der als verschwitzter Neo-Konsi auf vorsichtigem Konsenskurs mit dem Fortschritt geht und Jeans zum Tweedsakko ausführt. Shocking! Mit seligem Erinnern womöglich, als Mami in der Jugend liebevoll eine Bügelfalte in den Denim zwang - damals, als die politisch unkorrekte Werbung noch suggerierte, mit Denim jede Frau "fest im Griff" zu haben.

Aber auch ganz wertfrei berufen sich viele der 200-Euro-Hosenbeine auf die Marke, die ja für optimale "Qualität" und "Verarbeitung" steht: Diese Jeans wurden von europäischen Arbeiterinnen von Hand zerrissen, sorgsam gebleicht, künstlich beschmutzt ("Dirty Denim"), um später käsegesichtigen oder solariengebratenen Eigentümern den Working-Touch zu verleihen, eine Aura der Exklusivität. Blue Jeans Couture - das klingt so ähnlich wie Schweinsbraten-Cuisine. Und dafür soll man auch richtig Geld für unsere darbende Wirtschaft locker machen.

Manche führen teure Designer-Jeans aus, um sich sonst umso billiger zu geben. Ein Trost bleibt den - nicht mehr wie stocksteife DDR-Sixties-Blauware daherkommenden - 29,90-Euro-Jeansträgerinnen und -trägern: Bella figura macht man, wenn jene nicht wirklich "bella" vorhanden, auch in 200 Euro-Jeans nicht. Das ist die hübsche Kehrseite daran. (Der Standard/rondo/04/02/2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine Kreation von Dolce & Gabbana für den Winter 2005/2006 der Männerkollektion.

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