Mein derzeitiges Lieblingswort ist Russendisco

10. Februar 2005, 16:30
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Die Straße des Ruhmes ist nicht mit abgelegten Selbsterkenntnissen gepflastert, deshalb wollte ich heute nicht über mich schreiben, sondern über Wörter. Mein derzeitiges Lieblingswort ist Russendisco. Haben Sie schon jemals etwas so abgründig Einladendes über die Zunge rollen lassen? Na bitte. Kaum spricht man dieses Zauberwort aus, fühlt man sich, als läge man schon unter irgendeinem Tisch und gedämpft dränge Iwan-Rebroff-Musik zum Kleinhirn und vermische sich dort mit dem Wodka zu russischem Punkrock. Russendisco impliziert den wunderbarsten unkontrollierten Kontrollverlust, den man sich nur wünschen kann.

H. hinterbrachte mir kürzlich, dass zufällig auch Nobelpreisträgerinnen diese Kolumne lesen, und da fällt mir ein: Liebe aktuellste aller Nobelpreisträgerinnen, Thomas Mann hat von seinem Nobelpreis ein Haus auf der Kurischen Nehrung gekauft, und die Kurische Nehrung lebt immer noch davon, dass Touristen hinfahren und sich das Haus anschauen. Verschleudern Sie deshalb nicht Ihr Nobelpreisgeld für irgendwelche sozialen Randgruppen! Kaufen Sie sich irgendwo ein hübsches Sommerhaus, zum Beispiel in Transnistrien, damit dort die Infrastruktur belebt wird. Am besten man kauft ein großes Haus und baut eine Russendisco ein. Russendisco ist ein Wort vom Herrn Kaminer, der bekommt vielleicht auch einmal einen Nobelpreis, aber erst in 15 Jahren, wenn er das Alter erreicht hat. Ich bekomme nie einen Nobelpreis, weil es dem Gesetze der Wahrscheinlichkeit widerspricht, dass es innerhalb von 20 Jahren gleich zwei weibliche Nobelpreisträgerinnen in Österreich gibt.

Weibliche Schreiber in Österreich können eigentlich bloß auswandern, wenn sie es auf den Nobelpreis abgesehen haben. Nach Transnistrien vielleicht, dort gibt es noch keine weiblichen Nobelpreisträgerin, und die Chance besteht, dass in den nächsten 20 Jahren das Komitee sagt: "Die transnistrische Literatur, besonders die feministische transnistrische Literatur braucht Aufwind, schicken wir doch einen Nobelpreis rüber."

Die Russendisco in Transnistrien könnte wirklich das sein, was St. Tropez in den 60ern gewesen ist, wir brauchen bloß einen Investor, liebe Frau Nobelpreisträgerin. Für die Russendisco braucht man, sagt Herr Kaminer, der neulich in Wien eine Lesung hatte, einen Computer, womit man Iwan-Rebroff-Lieder downloaden kann, und dann braucht man einen stoischen Türsteher. Der Türsteher hat die Aufgabe, BPs (betrunkene Personen) von BBPs (besonders betrunkenen Personen) zu unterscheiden, und eine Gruppe davon muss draußen bleiben, welche, ist egal. Dann sagt Herr Kaminer noch, dass Iwan Rebroff sagt, Wodka macht aus jedem Menschen einen Russen. Poschalsta, Spasiba.

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin []
Zufall@derStandard.at (Der Standard/rondo/04/02/2005)

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