Demokraten beim Suchen

11. Februar 2005, 17:06
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Wäre es besser, frommer zu werden - oder sollte man die ideologischen Gegensätze noch deutlicher akzentuieren? - von Christoph Winder

Drei Monate nach den US-Präsidentschaftswahlen ist die Identitätssuche in der Demokratischen Partei intensiver geworden. Gründe, sich die Köpfe zu zerbrechen, gibt es genug. Die Republikaner stellen den Präsidenten und haben beide Häuser im Kongress im Griff - und dies, obwohl sich George W. Bush in seiner ersten Amtszeit derart viele Blößen gab, dass die Demokraten mit einer streckenweise fast fieberhaften Siegesgewissheit in die Wahlen des Vorjahres gehen konnten.

Nachdem sich diese Hoffnungen rückblickend als illusionär herausgestellt haben und viele Beobachter schon mit einer langen Ära republikanischer Hegemonie rechnen, ist bei den Demokraten verschärfte Strategiearbeit angesagt. Man weiß, dass die Republikaner 2004 bei jenen famosen "social issues" wie Abtreibung oder Homoehe gepunktet haben, bei gesellschaftspolitischen Fragen also, die viele gottesfürchtige Amerikaner an die Urnen trieben. Was für die Demokraten daraus folgen sollte, ist umstritten: Wäre es besser, frommer zu werden - oder sollten sie die ideologischen Gegensätze noch deutlicher akzentuieren?

Hillary Clinton, eine der mutmaßlichen Präsidentschaftskandidatinnen für 2008, hat sich schon entschieden: Sie betont in letzter Zeit auffällig oft, dass sie häufig und gerne bete und dass Abtreibung im Grunde eine sehr traurige Sache sei. Eine ganz andere Philosophie vertritt Howard Dean, der glücklose Präsidentschaftsanwärter des Vorjahres, der am 12. Februar wohl zum Parteichef gewählt werden wird.

Dean, einer der wenigen Demokraten, die den Irakkrieg ohne jedes Wenn und Aber abgelehnt haben, setzt auf bedingungslose Opposition und wird keine Gelegenheit auslassen, seine ideologisch kantigen Botschaften auszustreuen. Und wenn er damit Erfolg hat? Dann wird er es sich vielleicht doch noch einmal überlegen, ob er eine Präsidentschaftskandidatur für 2008 wirklich so kategorisch ausschließt, wie er dies eben angekündigt hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2005)

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