Westenthaler im STANDARD-Interview: "Es wäre mehr drinnen gewesen"

4. Februar 2005, 14:25
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Der ehemalige FPÖ-Klubobmann erklärt, warum die Chemie zwischen ÖVP und FPÖ im Jahr 2000 gestimmt hat - und wo die FPÖ Verhandlungsfehler gemacht hat

STANDARD: Herr Westenthaler, ab wann war Ihnen klar, dass es zu Blau-Schwarz kommt?

Westenthaler: Erst relativ knapp vor Regierungsantritt.

STANDARD: Dafür haben ÖVP und FPÖ dann aber sehr schnell zusammengefunden?

Westenthaler: Die Chemie hat von vornherein gepasst, es gab zwar sehr große Skeptiker wie Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer. Der hat aber auch gesehen, dass die Gruppe, die vis-à-vis sitzt, wirklich will. Inhaltlich waren wir uns schnell einig, weil wir ideologisch näher stehen. Knackpunkte wurden in den Einzelrunden ausgeräumt, am Ende wurden die Personalfragen gelöst. Das ist eigentlich sehr kommod gegangen. STANDARD: Wo saßen die blau-schwarzen Euphoriker?

Westenthaler: Khol hat sich sicher stark für die Wende eingesetzt, der hat nie einen Hehl daraus gemacht. Von unserer Seite sehr stark Scheibner und Haider. Susanne (Riess-Passer) und ich waren anfangs skeptischer - dann dafür.

STANDARD: Waren Sie gut genug vorbereitet?

Westenthaler: Wir sind nicht hineingetaumelt, sondern hatten Experten an der Hand. Im Nachhinein, ist nicht alles ideal verlaufen. Sollten wir heute Koalitionsverhandlungen führen, wären sie sicher anders.

STANDARD: Was würden Sie anders machen?

Westenthaler: Hauptsächlich das Personelle. Wir haben die Ressortaufteilung nicht zu Ende gedacht. Es war ein Fehler, dass wir zugelassen haben, dass das Sozialressort massiv abgespeckt worden ist - der Bereich Arbeit wanderte ja zum Wirtschaftsministerium. Wir haben also ein amputiertes Sozialressort übernommen. Weitere Fehler waren, dass wir nicht auf das Innenressort bestanden haben. Das Thema Sicherheit können wir am besten abdecken. Bis hin zum äußerst komplizierten und schwierigen Infrastrukturressort, wo wir den höchsten Ministerverschleiß hatten.

STANDARD: Die FPÖ hätte also mehr verlangen sollen?

Westenthaler: Es wäre mehr drinnen gewesen. Aber ich meine das nicht larmoyant, aus der damaligen Sicht fanden wir es in Ordnung. Heute muss man sagen, dass war nicht so ideal.

STANDARD: Sehr bald formierte sich der Widerstand gegen die Regierung - hat die ÖVP das ernst genommen?

Westenthaler: Da gab es eine relativ große Gelassenheit. Aus heutiger Sicht ist das eines der spannendsten Phänomene: den Widerstand gibt es nicht mehr, die Gegner wurden entzaubert. Die Sanktionen haben uns massiv geholfen - überspitzt gesagt muss man fast dankbar sein. Es gab einen Schulterschluss, der weit über die Regierung gegangen ist.

STANDARD: Haider tourte damals zuerst durch Europa, um für das blau-schwarze Projekt zu werben - und trat dann doch zurück. Warum?

Westenthaler: Warum er als Parteichef zurückgetreten ist, konnte im Prinzip niemand nach vollziehen. Ich am allerwenigsten. Das war sein bis heute schwerster Fehler in der Politik. Es hat eine Entwicklung eingeleitet, die für die FPÖ nicht gut war. (DER STANDARD, Barbara Tóth, Printausgabe, 3.2.2005)

ZUR PERSON: Peter Westenthaler, 37, war von 2000 bis 2002 FP-Klubobmann und arbeitet heute für Magna International.
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    "Die Sanktionen haben uns (FPÖ, Anm.) massiv geholfen - überspitzt gesagt muss man fast dankbar sein."

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