Bäumerauschen im Nirosta-Bad

7. Februar 2005, 20:08
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Der gelernte Architekt und Dramatiker Matthias Wittekindt entlockt der Alltagswelt die krudesten Rätsel - ab Samstag startet das Wiener Schauspielhaus einen kleinen Aufführungszyklus...

...beginnend mit "Der Held der Frauen". Das Porträt eines deutschen Mittelstandstragödienschreibers.


Wien - Die Theaterstücke des gelernten Architekten Matthias Wittekindt (46) sind Rätselgebilde der beunruhigendsten Sorte. In ihnen prallen Vertreter der postindustriellen Gesellschaft wie verwunschene Gegenstände aufeinander: Man begegnet Allerweltsfiguren, sieht den "Anitas", "Bettinas" oder "Herrn Kriegers" irritiert beim Vitaminbrotstreichen oder beim Umtopfen von Zimmerpflanzen zu.

Verwitwete Architekten - wie der rätselhafte "Herr Voss" in dem Wittekindt-Echospiel Freigang - lehnen in abgeschabten Wollwesten über Zeichenbrettern, während sie mit ihren Haushälterinnen über Halskettenverschlüsse oder kalten Aufschnitt in der Anrichte zanken.

Nur dass sich besagter Herr Voss im bestürzenden Schlussbild des Kammerdramas, das im Paket mit Der Held der Frauen ab Samstag im Wiener Schauspielhaus als Produktion von iffland & söhne läuft (Regie: Anna Maria Krassnigg), in einen echten Laubbaum verwandelt, der "das große Fenster durchschlägt" und "in der Veranda einwurzelt", während sich "seine mächtige Krone unter den Sternen entfaltet".

Davor hatte sich Herr Voss, der dem Tod seiner Gemahlin als verstörter Zauberer hinterherlebt, bereits vor ein paar Callgirls als schütter mit den Blättern zitternder Baum verkleidet: ein Zauberer Prospero mit Zirkel und Dreieck. Solche Bildideen sprengen naturgemäß das nüchterne Einbauwohnküchenambiente. Sie sollen, sagt Wittekindt, unverbunden nebeneinander stehen bleiben: "Eine biedere Hausfrau ist gleichzeitig eine Agentin, die mit dem Revolver anderen vor der Nase herumfuchtelt. Warum soll nicht das eine wie das andere Potenzial in ihr stecken?"

Ein Kritiker, über so viel himmelschreiender Normalität ganz kopflos geworden, nannte Wittekindt, den Verfasser von mittlerweile 18 Dramen, daraufhin einen "Chronisten der Kohl-Jahre". Das ist in etwa so sinnvoll, als erhöbe man Thomas Bernhard nachträglich zum Blues-Sänger der ersten ÖVP-Alleinregierung unter Klaus (1966-1970). Wittekindt, der in der persönlichen Begegnung wie der ältere, bürgerlich geschliffene Bruder von Christoph Schlingensief wirkt, hält sich beim Nirosta-Charme seiner vertrackten Wohnküchen- und Stücklabyrinthe nicht eigens auf: "Ich habe früher", sagt Wittekindt, "relativ ,generelle' Stücke geschrieben. Da war von Exhibitionismus und Grausamkeit die Rede, oder beispielsweise von Fetischismus. Solche Themen gehen mich zwar noch immer etwas an - aber ich muss nicht mehr den Szenenvorschlag ,Bunker' darübersetzen."

Blendend weiße Rätsel

Der Weg in die Einfachheit - in die rätselhafte Schneelandschaft einer scheinbar entgeisterten Alltagswelt - war ein gewundener. Wittekindt, der in den 90ern in der Berliner Offszene von sich reden machte, sei irgendwann selbst auf die Idee gekommen: "Fang mit dem Erzählen doch in der Küche an oder im Wohnzimmer! Geh nicht mehr ins Nirgendwo, sondern dorthin, wo die wirklichen Verbrechen geschehen. Arbeite von dort aus!"

Er habe gelernt, mit Kontrasten zu arbeiten: "Es hat mir zugegeben Spaß gemacht, an den Theaterregeln zu kratzen." Heute tüftelt er, der in die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz involviert ist und auf Zuruf schon einmal eine Tatort-Folge für Volksbühnen-Star Henry Hübchen schreibt ("Nach der 14. Drehbuchversion fing ich allerdings zu verzweifeln an!"), an anderen Sprengideen.

Sein Bruder, erzählt Wittekindt, sei Tierdokumentarfilmer. Er werde mit ihm demnächst in ein russisches Blockhaus ziehen und dort, mit ein paar wenigen Schauspielern, "Stücke" vor der Naturkulisse der sibirischen Taiga aufführen. Wittekindt: "Das stelle ich mir irgendwie hochinteressant vor!"

In seinen Regieanweisungen, die er ab Samstag höchstselbst auf der Bühne zum Besten geben wird, lösen Spurensicherungsbeamte vom Hibiskus, den sie soeben im Diskontmarkt erworben haben, ein "Streifchen Tesafilm" ab. Wittekindt: "Das ist auf dem Theater normalerweise zu klein - das kann man gar nicht zeigen. Diese Akribie aber meint die Gegenstände, an denen wir unsere Welt erfahren. Es ist ja eben nicht der ,Bunker', sondern das Ausgehkleid der Mutter! Aus dieser absichtlichen Verkleinerung, aus diesem Superspießigen entsteht die Größe!"

Und: "Ich bin ausgebildeter Architekt - ich komme aus einer vollkommen abstrakten Richtung. Dementsprechend fing ich auch mit Stücken für mehrstimmige Chöre an. Ich komme aus dem Koolhaas-Libeskind-Architekturbüro - aus einer ganz klassischen, avantgardistischen Richtung also. Das Handtuch, das Kleine, das Täschchen - dahinter liegen die großen Erfahrungswelten verborgen!"

Ob ihm Wien gefalle? Wittekindt lächelt: "Ich bin vor ein paar Jahren über meinen Bühnenverleger Zeuge einer Premierenfeier im Josefstadt-Theater geworden. Traumhaft: Als Peter Turrini und Otto Schenk vorgefahren kamen, wurde vor ihnen ein roter Teppich ausgerollt! Allein das Bufett besaß einen Kantenumlauf von 44 Metern. Daraufhin meinte ich zu meinem Verleger: Das möchte ich schon auch noch einmal erreichen - hier, in Wien!" (DER STANDARD, Printausgabe, 03.02.2005)

Von
Ronald Pohl Matthias Wittekindt: Baukünstler, Stücke-bastler, Theater-macher, Roman-schreiber - ein Hauch von Universalität.
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