Großprogramm soll Roma aus europäischem Abseits holen

4. Februar 2005, 12:04
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Bis 2015 wollen acht Länder den sozialen Abstand zwischen Roma und der Mehrheits­bevölkerung abbauen - mit Infografik

Bis 2015 wollen acht mittel- und osteuropäische Länder den sozialen Abstand zwischen Roma und der Mehrheitsbevölkerung abbauen. Zusätzliches Geld wird es aber für die von der Weltbank unterstützte Initiative nicht geben.

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Sofia/Wien – Das Versprechen klingt ambitioniert. Bis zum Jahr 2015 sollen die "Diskriminierung der Roma ausgemerzt" und der soziale Abstand der Minderheits- zur Mehrheitsbevölkerung abgebaut werden, heißt es in der Mittwoch in Sofia präsentierten Grundsatzerklärung zur "Dekade der Roma-Integration". Durch gezielte Unterstützung in den vier Schwerpunktbereichen Bildungswesen, Arbeitsmarkt, Gesundheit und im Wohnsektor sollen die Lebensverhältnisse der rund sechs bis acht Millionen Roma in Europa (siehe Grafik) verbessert werden.

Die Bedeutung der bisher größten koordinierten Initiative zur Förderung der Roma, die laut Weltbank vier- bis zehnmal ärmer sind als die Mehrheitseuropäer, unterstrich auch die prominente Gästeliste bei der Eröffnungszeremonie in Sofia.

Neben dem bulgarischen Präsidenten Simeon Sakskoburggotski kam auch Ungarns Regierungschef Ferenc Gyurcsány. "Das Hauptprinzip des Demokratie ist verletzt, wenn riesige Gruppen in ihrer Entwicklung zurückbleiben", sagte Sakskoburggotski.

Aktionspläne für Roma

Die Mitgliedstaaten der Initiative – Bulgarien, Kroatien, Rumänien, Mazedonien, Tschechien, Ungarn, Slowakei, Serbien/Montenegro – wollen eigene Aktionspläne zur Förderung der Roma ausarbeiten und umsetzen.

Zusätzliches Geld aus der von der Weltbank und der Stiftung "Offene Gesellschaft" des US- Milliardärs George Soros unterstützten Plattform wird es nicht geben. "Es geht um die Umverteilung bereits vorhandener Mittel", sagt die Mitorganisatorin des Forums, Dena Ringold von der Weltbank.

Um die häufigen Schulabbrüche und die Abschiebung von Roma in Sonderschulen zu vermeiden – geschätzte 50 bis 80 Prozent der Minderheit besuchen eine Sonderschule – sehen laut Ringold die meisten nationalen Aktionsprogramme den Ausbau des Vorschulsystems für Roma vor.

Die Initiative werde im Sand verlaufen, weil die Umsetzung der Programme in den Händen der Mitgliedstaaten liege, prophezeite ein Roma- Vertreter nach der Konferenz im Gespräch mit dem STANDARD. Dem widerspricht Ringold: "Das Herausragende an der Initiative ist, dass sich erstmals acht Staaten zu einem koordinierten Vorgehen entschlossen haben. Zudem sind diesmal auch Vertreter der Roma auf höchstem Level eingebunden."

Bisher hätten bereits fünf Staaten ihre Aktionsprogramme innerstaatlich in Gesetzesform gegossen, in den restlichen Ländern seien die "Diskussionsprozesse" gerade am Laufen, sagt Ringold. In punkto Geld hofft die Weltbank auch auf die Unterstützung der Programme durch den Strukturförderungsfonds der EU.

Im Wiener Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte (BIM) wird die neue Initiative "vorsichtig optimistisch" gesehen. Das größtes Manko sei, dass sich die westeuropäischen Staaten nicht an der Initiative beteiligen würden. "Schließlich sind auch die Roma in Westeuropa nach wie vor gewaltigen Benachteiligungen ausgesetzt", so eine Mitarbeiterin des BIM. (and, Reuters, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2005)

  • Zwischen sechs und acht Millionen Roma leben in Europa. Laut Weltbank sind sie bis zu zehnmal ärmer als die Mehrheitsbevölkerung. Eine Großinitiative soll das nun ändern.
    foto: cremer

    Zwischen sechs und acht Millionen Roma leben in Europa. Laut Weltbank sind sie bis zu zehnmal ärmer als die Mehrheitsbevölkerung. Eine Großinitiative soll das nun ändern.

  • Infografik: Roma in Mittel- und Osteuropa

    Infografik: Roma in Mittel- und Osteuropa

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