Umgang mit Wett­affäre eigentlicher Skandal

21. Mai 2005, 21:34
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Seit Tagen werden Namen von Spielern und Schiedsrichtern genannt, die in sicher nicht öffentlichen Verhören belastet wurden

Was wetten wir, dass der jetzt im deutschen Profifußball aufgedeckte Skandal den Geschäften mit Sportwetten, auch in Österreich, auf Sicht kaum schaden wird? Auf eine Million Euro bezifferte Oddset, staatlicher Sportwettenanbieter, Marktführer in Deutschland und Großsponsor für die WM-Endrunde 2006, den Schaden, der durch Kungeleien eines Schiedsrichters mit einer so genannten kroatischen Wettmafia entstanden ist. Peanuts, in Deutschland wird mit Sportwetten Jahr für Jahr fast eine Milliarde Euro umgesetzt. Allein Oddset spielt pro Spieltag in der deutschen Bundesliga zwischen acht und zehn Millionen Euro ein. Einbrüche infolge des Falles Robert Hoyzer werden vorübergehend sein.

Verluste sind Berufsrisiko, sowohl für die Wettanbieter als auch für die Spieler, die mit Fachwissen und/oder Glück so nebenbei ein paar oder auch viele Euro verdienen wollen. Noch geringer wird der Schaden sein, den der Ruf der Wettbranche nimmt. Ob staatlich oder privat, ob jetzt im Internet oder im schmuddeligen Wettcafé nahe dem Ku’damm zu Berlin gewettet wird, das Odeur der Halbwelt ist ebenso beständig wie ungerecht. Der Normalbürger kann sich da gemütlich zurücklehnen und die Lottoziehung verfolgen. Schließlich handelt es sich dabei ja nicht um eine Wette, sondern um ein reines Glücksspiel. Nur, ein Homo ludens ist er, der Normalbürger, trotzdem. Im Traum vom schnellen Gewinn unterscheidet ihn nichts vom Zocker im Wettbüro oder auf den Websites.

Verlust der Glaubwürdigkeit

"Was wir in Deutschland erleben, ist ein Schiedsrichterskandal. Die Wettbranche ist in der Opferrolle", sagte Harald Kochmann, der Präsident des österreichischen Buchmacherverbandes. Und der Mann hat Recht, wenn er noch die Spieler und die Vereinsführungen mit einbezieht. So kommt die anscheinend bahnbrechende Idee von Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß, seine Spieler mit generellem Wettverbot zu belegen, wohl reichlich spät. Selbstverständliches hätte besser nicht angekündigt werden sollen.

Die Zunft der Schiedsrichter wird den Fall Hoyzer nicht so flott wie Hoeneß für die Vereine abhaken können. Mit der Glaubwürdigkeit gehen die Referees ihres größten Kapitals verlustig. Das nette Wort "Schieber" wird den Fans im Stadion künftig noch viel leichter über die Lippen gehen. Robert Hoyzer galt als

eine der großen deutschen Schiedsrichterhoffnungen. Erst 25 Jahre alt, pfiff er regelmäßig in der zweiten deutschen Bundesliga und kassierte da 1500 Euro pro Spiel. Für einen Studenten kein schlechter Nebenverdienst. Schiedsrichter sind im modernen Profifußball längst keine armen Hascherln mehr, Karrieren bis hin zum Millionär an der Pfeife wie jene des Italieners Pierluigi Collina sind möglich.

Kontrolle versagte

Hoyzer war vor seinem tiefen Fall zumindest auf einem guten Weg. Als er von diesem Weg abkam, haben die Kontrollmechanismen versagt. Ungerechtfertigte Elfmeter und Ausschlüsse in Serie hätten nicht nur Wettanbietern auffallen müssen. Die stellten einen direkten Zusammenhang zwischen Hoyzers fragwürdigen Entscheidungen und ungewöhnlichem Wettverhalten her. Oddset hat den deutschen Fußballbund (DFB) dann bereits im August des Vorjahres schriftlich auf Verdachtsmomente aufmerksam gemacht. Man hat beschlossen, den Ball flach zu halten, "zunächst abzuwarten", wie Horst Hilpert, der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses sagte. Und weil auch die ebenfalls informierte Berliner Kripo keine weiterführenden Verdachtsmomente feststellen konnte, ist die Sache eingeschlafen, um dann am 19. Jänner mächtig zu erwachen.

Seither jagt eine Enthüllung die andere. Zeitungen nennen seit Tagen Namen von Spielern und Schiedsrichtern, die Hoyzer in sicher nicht öffentlichen Verhören belastet hat. Doch erst gestern wurden Wohnungen der Verdächtigen durchsucht. Diese Art der Ermittlung wird den Ruf der Schiedsrichter gewiss nicht so rasch wiederherstellen. Dafür ist der Keim für einen weiteren Skandal gelegt, für einen Justizskandal. (Sigi Lützow - DER STANDARD PRINTAUSGABE 3.2. 2005)

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