Deutschland: Fünf Millionen Arbeitslose

17. Februar 2005, 15:57
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Zahl der Arbeitslosen im Jänner kletterte auf 5,037.000 - Experten sprechen von sieben Millionen tatsächlich Arbeitslosen

Berlin - Der 2. Februar 2005 könnte in die deutschen Geschichtsbücher eingehen. Zum ersten Mal seit Bestehen der Bundesrepublik kletterte die Zahl der Arbeitslosen auf mehr als fünf Millionen. Im Jänner waren 5,037.000 Menschen arbeitslos gemeldet – 537.000 mehr als im Dezember 2004 und 440.000 mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote stieg von elf auf 12,1 Prozent. Zum Vergleich: Im Westen beträgt sie 9,9 Prozent, im Osten 20,5 Prozent.

Für das Überschreiten dieser symbolträchtigen Marke gibt es nicht nur saisonale, sondern auch statistische Gründe. Seit durch Hartz IV in diesem Jänner Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden, wird nur noch eine Statistik geführt. In dieser tauchen jetzt auch rund 230.000 erwerbslose Sozialhilfebezieher auf, die früher nicht bei der Arbeitsagentur, sondern bei den Sozialämtern registriert waren.

Anstieg im Februar

Laut Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) ist die Spitze aber noch nicht erreicht: Im Februar werde der Wert noch einmal ansteigen. Außerdem kämen zu den fünf Millionen noch einmal 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen hinzu, die in öffentlichen Arbeitsprogrammen untergebracht seien. Somit müsse man von 6,5 Millionen Menschen sprechen, "die Probleme auf dem Arbeitsmarkt" hätten. Das sei zwar "dramatisch hoch", dennoch warnte er vor Panik. Historische Vergleiche mit der Weltwirtschaftskrise kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in den 30er- Jahren wies Clement als "absurd" zurück. Auch Bert Rürup, designierter Chef der Wirtschaftsweisen, sieht keinen Anlass zur Panik: "Die Arbeitslosigkeit ist ja dadurch nicht höher geworden, dass wir jetzt eine andere Erfassung haben." Kanzler Gerhard Schröder sei von den Zahlen nicht überrascht, sagte ein Regierungssprecher. Er werte sie als Beleg für die Richtigkeit der Arbeitsmarktreformen.

Auch Clement sprach von "fünf Millionen Gründen für die Arbeitsmarktreform". Nach Vorbild des Ausbildungspaktes will er mehr Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik. Die Regierung sei willig, ihre Reformen fortzusetzen. Die von den Arbeitgebern geforderten niedrigeren Beiträge zur Arbeitslosenversicherung könne man sich aber nicht leisten. CDU-General Volker Kauder warf dem Kanzler vor, "der Chancenkiller für viele Menschen in diesem Land" zu sein. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2005)

Der deutsche Wirtschaftsweise Wolfgang Franz schätzt die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf rund sieben Millionen. "Viele Arbeitssuchende werden von den Statistiken nach wie vor nicht erfasst", sagte er dem "Handelsblatt". "Das gesamte Ausmaß der Unterbeschäftigung geht in Deutschland derzeit eher in Richtung sieben Millionen."

Der Würzburger Arbeitsmarkt-Experte Norbert Bertolt sagte dem Blatt: "Die neue Statisik kommt der tatsächlichen Lage jetzt zwar etwas näher als früher, gibt aber noch immer nicht das gesamte Ausmaß der Misere wider." (APA/AFP)

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