Kaktus und Suchmaschine

7. Februar 2005, 20:11
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Theo van Goghs letzter Spielfilm und Gustav Deutschs "Welt Spiegel Kino" sorgen beim Internationalen Filmfestival in Rotterdam für Gesprächsstoff

- Die Wirklichkeit im Spiegel des Kinos.


Lange Warteschlangen sind auf dem Filmfestival von Rotterdam eigentlich selten. Die Premiere des letzten Films von Theo van Gogh, der im vergangenen November auf offener Straße ermordet worden war, kam aber auch keiner gewöhnlichen Aufführung gleich. Um ins Foyer des Kinos zu gelangen, musste man Sicherheitsschranken passieren. Dahinter warteten bereits die Sektflöten. Und im Saal wurde dann der Goldene Kaktus verliehen, ein neuer, van Gogh gewidmeter Preis, der couragiertes Filmemachen auszeichnen soll. Ein so vielsagendes wie paradoxes Beispiel für den Stand der Dinge: Meinungsfreiheit wird in kontrollierten Zonen zelebriert.

06/05 heißt van Goghs Film, die Chiffre erinnert nicht von ungefähr an 9/11. Der 6. Mai 2002 war nämlich nicht irgendein Datum in den Niederlanden, an diesem Tag wurde der Rechtspopulist Pim Fortuyn ermordet. Eine seltsame Koinzidenz liegt also über diesem Film, dessen vermeintliche Brisanz sich dann aber nicht einlöst: Van Goghs 06/05 ist an keiner Stelle mehr als ein solider Politthriller, in dem Fortuyn nicht das Opfer eines Einzeltäters, sondern einer komplizierten Verschwörung der Waffenlobby ist.

Bemerkenswert bleibt allerdings, dass sich von den polemischen Provokationen des Regisseurs hier kaum etwas wiederfindet. Menschen ausländischer Herkunft werden darin allenfalls als Sündenböcke missbraucht – van Goghs Hohn gilt einem skrupellosen Establishment und einer heuchlerischen Politik, deren Repräsentanten er als TV-Bilder auch in den Film montiert.

Ganz andere Bildtransfers und Relektüren von vorhandenem Material stehen im Mittelpunkt des neuen Films von Gustav Deutsch, Welt Spiegel Kino: Der österreichische Experimentalfilmemacher erstellt darin drei Episoden über die Polysemantik von frühem Kino; ihren Ausgang nehmen sie jeweils bei einem Schwenk über ein historisches Lichtspieltheater, wovon eines in Wien, eines in Surabaya und eines in Porto steht. Zum einen wird hier Geschichte nur über das dokumentarische Bild wieder eingeholt, wenn Menschen vor dem Kinematografen den Hut heben, ist der Apparat noch ganz "in der Zeit". Deutsch begreift diese Aufnahmen aber auch als Suchmaschine, die noch ganz andere Aufschlüsse über die damalige Gegenwart zulässt.

Zoom nach damals

Er spielt die Filme verlangsamt ab, hebt Details heraus, zoomt hinein in die Bilder. Was in den Kinos aufgeführt wurde – etwa Fritz Langs Die Nibelungen in Surabaya – kombiniert er mit analogen Szenen aus dem Mythenschatz oder mit populärkulturellen Archetypen der Region. So folgt auf Siegfrieds Kampf mit dem Drachen ein chinesischer Artgenosse – womit das Bild zum politischen wird, das die angestrebte Unabhängigkeit Indonesiens suggeriert.

Etliche dieser Assoziationen bleiben beim ersten Mal rätselhaft, so dicht ist der Film; doch Welt Spiegel Kino betört auch auf einer sinnlichen Ebene als vielfältiges (auch musikalisches) Abtasten von historischen Bildern.

Wenn es für Pawel Pawlikowskis My Summer of Love, einem der eindrücklichsten neuen Spielfilme in Rotterdam, eine filmhistorische Referenz gibt, dann ist es die junge Sissy Spacek, der die sommersprossige Hauptdarstellerin Nathalie Press frappant ähnelt. Und wie in Brian de Palmas Carrie geht es auch hier um ein eigensinniges junges Mädchen, um religiöse Blendungen und ein Begehren, das noch keine Grenzen kennt.

Der Film erzählt von Mona und Tamsin – die eine wohnt über dem Pub, die andere in einer herrschaftlichen Villa –, die einen Sommer lang, am Rande eines Dorfs in Yorkshire, in eine romantische Parallelwelt eintauchen: Sie tanzen zu Edith Piaf, spielen kleine Rollenspiele und verlieben sich dabei Hals über Kopf. Pawlikowski (Last Resort), trifft den Tonfall dieser Mädchenfantasie mit ungemeiner Präzision. Er erreicht darstellerische Höchstleistungen und verliert doch nie die Bodenhaftung:

Denn so weit sich die beiden Schwärmerinnen auch vom wirklichem Leben entfernen, bleibt der Film zugleich doch stilistisch rau, kantig und die Kamera direkt – als ob dieser Realismus einen stets daran erinnern würde, dass soziale Verhältnisse so leicht nicht überwunden werden können. My Summer of Love verirrt sich denn auch in keiner ideellen Welt, sondern wird zum Film über Verirrungen, (Selbst-)‑ Suggestion und Verführung. (DER STANDARD, Printausgabe, 03.02.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh aus Rotterdam
  • "Welt Spiegel Kino": Der Kinematograf in Wien-Erdberg - ein historisches Lichtspielhaus, auferstanden in Gustav Deutschs jüngster filmischer Exkursion in die Kinogeschichte.
    foto: sixpack

    "Welt Spiegel Kino": Der Kinematograf in Wien-Erdberg - ein historisches Lichtspielhaus, auferstanden in Gustav Deutschs jüngster filmischer Exkursion in die Kinogeschichte.

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