Die Kriegshelden

11. Februar 2005, 17:06
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Zahlreiche Kriegsverbrecher sind nach wie vor auf freiem Fuß - Kolumne von Paul Lendvai

In seinen vielen, zeitlos aktuellen Betrachtungen über den Krieg erwähnte Hermann Hesse einmal auch die Generäle: "... solange Vernunft, Menschlichkeit und Friede herrscht, spürt man nichts von ihnen und lächelt über sie – sobald aber Krieg und Wahnsinn ausbricht, werden sie wichtig und heilig".

Vielleicht nirgends ist dies stärker zu spüren als in jenen Ländern, die von den Balkankriegen 1991–1999 erfasst wurden. Die Schweizer Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Carla del Ponte, hat die Regierungschefs und die Justizbehörden in der Region oft vergeblich ermahnt, die wegen Kriegsverbrechens angeklagten Generäle auszuliefern.

Ausländischen Beobachtern erscheint zum Beispiel der Fall des seit Sommer 2001 verschwundenen ehemaligen kroatischen Generals Ante Gotovina unverständlich, ja bizarr. Beim EU-Gipfeltreffen im vergangenen Dezember einigte man sich auf die Aufnahme von offiziellen Beitrittsverhandlungen mit Kroatien am 17. März 2005.

Politisch und wirtschaftlich bestehen keine Bedenken, und es ist durchaus möglich, dass das Land nach den Jahren der Selbstisolation unter dem nationalistischen und korrupten Tudjman-Regime spätestens 2009 der EU beitreten könnte. Nicht nur der kürzlich neu gewählte gemäßigte Präsident Stipe Mesic, sondern auch Regierungschef Ivo Sanader, der die Tudjman-Partei (HDZ) reformiert hat, ist ein glaubwürdiger EU-Anhänger.

Nun hat aber Kroatien in den Bemühungen um den Beitritt einen weithin sichtbaren ernsten Rückschlag erlitten. Der zuständige Erweiterungskommissar Olli Rehn erklärte öffentlich in Brüssel, dass er "auf Grundlage der heute vorliegenden Informationen" die Aufnahme von Verhandlungen nicht empfehlen könnte.

Die EU fordert "volle Kooperation" mit dem Kriegsverbrechertribunal, vor allem bei der Suche nach dem vom Tribunal angeklagten Ante Gotovina, den viele national gesinnten Kroaten als einen Kriegshelden betrachten. Er war 1995 Kommandant bei der Rückeroberung der serbisch besetzten Gebiete in der Krajina. Der flüchtige 49-jährige Exgeneral soll für die Ermordung von 150 serbischen Zivilisten, die Zerstörung von ganzen Dörfern verantwortlich sein.

Die Regierungspartei steht vor einer Zerreißprobe. Kroatische Geheimdienstkreise und nationalistische Gruppen im In- und Ausland sollen nach Presseberichten mit Gotovina in Kontakt stehen. Sie sind nicht bereit, dem geschickten Regierungschef den Wandel vom Nationalisten zum glühenden Pro-Europäer zu verzeihen. Wenn aber die Sanader-Regierung nicht imstande ist, Gotovina ausfindig zu machen, wird ein positiver EU-Beschluss am 17. 3. kaum möglich sein.

Ein anderer "Kriegsheld" lebt allerdings nicht im Untergrund, sondern als Ministerpräsident der noch unter UN-Verwaltung stehenden, einstigen serbischen Provinz Kosovo: Ramush Haradinaj, 36, war 1998/99 Gebietskommandeur der kosovarischen "Befreiungsarmee". Der von vielen Kosovo-Albanern bewunderte Haudegen soll damals 67 Serben umgebracht sowie die Hinrichtung von weiteren 267 Menschen angeordnet haben und deshalb demnächst angeklagt werden.

Zugleich gilt der noch immer vergeblich gesuchte General Ratko Mladic, der bei Srebrenica im Sommer 1995 persönlich die Liquidierung von über 7000 bosnischen Muslimen angeordnet hatte, trotz allem in den Augen vieler Serben als ein Kriegsheld.

Jeder ist also sehr für die Auslieferung und Bestrafung der Schuldigen – nur aber bei dem Feind und keinesfalls bei sich selber. Noch einmal Hesse dazu: "Sie machen ihre Kriege mit der Habe, dem Blut und Leben anderer, und was wir dazu denken und dabei leiden, ist ihnen einerlei." (DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2005)

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