Das Leben geht weiter

10. Februar 2005, 07:00
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Lindenstraße: 1000 und eine Folge sozialdemokratisches "Schöner Wohnen"

Ein Hauch von Exotik ist selbst in der Lindenstraße Nummer 3 zu spüren. Und damit ist nicht das "Nicht-Deutsche" gemeint, wie das griechische Restaurant Akropolis oder der GZSZ-mäßig ausgestattete Eissalon direkt gegenüber. Die "Exotik" oder vielmehr die verführerische Fremdheit dieser Straße liegt in der Art und Weise, wie die Leute miteinander umgehen. Der "Kick" der Serie, der eine seit der frühen eigenen Kindheit bis heute am Fernseher hält, ist das soziale Biotop, in dem sich die Lindenstraße befindet.

Vereintes Deutschland

So ähnlich wie im wirklichen Leben läuft auch in der Lindenstraße die Zeit ab: Manche Dinge und Menschen bleiben da, anderes (oder auch die Welt draußen) verändert sich fundamental und lässt wiederum das eigene Umfeld in einem neuen Licht erstrahlen. In Deutschland hat sich seit 1985 wahrlich viel getan: Wo damals CDU/CSU und Ost/West-Block-Denken die politischen Eckpfeiler des Mittelstandes darstellten, ist es heute Rot/Grün und das neoliberale Paradigma, das Politik macht. Wir sind auch global geworden und das wirkt nach innen. In der Lindenstraße kämpft man nicht mehr bei Robin Woods gegen die Vergiftung der Wälder, sondern startet eine Internetkampagne für Öko-Strom auf dem Apple Cube (sic!).

Und was wurde in der Lindenstraße nicht schon gemotzt über die politischen Verhältnisse! Seien es die gesetzlichen Bestimmungen bei Vergewaltigung in der Ehe, die de fakto Diskriminierung von Aids-Kranken in der Arbeitswelt oder das Adoptivrecht für homosexuelle Paare. Kaum einem sozialpolitischen Thema blieb bis heute eine zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung in der Lindenstraße erspart. So wie die ProtagonistInnen aktuelle gesellschaftliche Strukturen mit ihrer Lebensgeschichte repräsentieren, reflektieren sie auch darüber bzw. über politische Geschehnisse in der Welt.

Jenseits von Gut und Böse

Dabei liegt die Stärke der Serie nicht einmal so sehr im oft auch plumpen alltäglichen Politisieren. Viel erstaunlicher sind die großzügig angelegten Charaktere der Sendung, die die "normale" Wahrnehmung einer Gesellschaft ins Wanken bringen: ÜbeltäterInnen, die sich immer wieder einer Pauschalverurteilung entziehen, weil sie eben auch andere "gute" und vor allem "verständliche" Seiten haben, MigrantInnen, die es wagen, nach einer Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland auch noch ein selbstbestimmtes Leben ohne Rücksicht auf die Kleinfamilie (das höchste westeuropäische Glück!) zu fordern.

Insofern ist es nicht übertrieben, der Lindenstraße eine politische Praxis zu unterstellen, die unvergleichbar in der deutschen Medienlandschaft existiert. Wo wird sonst noch ein politisch fitter Mittelstand gezeigt, der Ungleichheit und Diskriminierung wahrnimmt und sich aktiv dagegen einsetzt? Die PessimistIn wird einwerfen: Es gibt ihn nicht mehr. Angesichts von Fernsehformaten wie "Bianca - Wege zum Glück" hätte sich das politische Substrat dieses Musterbeispiels an Zivilgesellschaft aber mindestens ebenso viel mediale Reflexion verdient wie Helga Beimers legendäre Spiegeleier-Orgien. (Ina Freudenschuss)

  • Das Hausmeister-Ehepaar Egon und Else Kling, vor ihrer Trennung.
    foto: wdr
    Das Hausmeister-Ehepaar Egon und Else Kling, vor ihrer Trennung.
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