Einmischung erwünscht

20. März 2006, 20:58
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Die AGENDA 21 im Alsergrund vermittelt zwischen Politik, Verwaltung und BürgerInnen

Im Alsergrund läuft seit 1998 das Pilotprojekt eines lokalen AGENDA 21 Prozesses. Es ist Teil eines umfangreichen Aktionsprogramms, das 1992 im Rahmen einer Konferenz der Vereinten Nationen zu Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro erarbeitet wurde. Lösungen sozialer, wirtschaftlichen und ökologischen Probleme des 21. Jahrhunderts sollen auch durch lokale Kooperationen von BürgerInnen, Organisationen und Privatwirtschaft gesucht und realisiert werden. Mittlerweile wurde diese Maßnahme auf die Bezirke Margareten, Neubau, Rudolfsheim und Donaustadt ausgedehnt.

Politische Partizipation ist ausdrücklich erwünscht. Das AGENDA-Büro fungiert dabei als intermediäre Instanz zwischen BewohnerInnen, Bezirkspolitik und Verwaltung, sieht sich allerdings parteiisch auf Seiten der BewohnerInnen. Die bewusst vage Zielformulierung der Aktivitäten liegt in einer Steigerung der Lebensqualität, wobei jene Projekte verfolgt werden, die von AkteurInnen an das AGENDA Team herangetragen und selbstbestimmt realisiert werden. Prozesse der Demokratisierung und Stadtentwicklung im Sinne eines innovativen Dialogmodells werden hier mit partizipativen Organisations- und Aktionsformen verbunden.

Konkrete Aktivitäten, eine Auswahl

Die exemplarische Realisierung selbstorganisierter Nachbarschaftshilfe zeigt die Projektgruppe "Sprachhilfe für Kinder": Seit 2003 bieten fünf TutorInnen an zwei Nachmittagen in der Woche Unterstützung bei Hausübungen, Bücher, Spiele und Besuche von Bibliotheken und Theaterproduktionen. Sprach- und Verständnisschwierigkeiten von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache führen häufig zu Schulproblemen, die aufgrund der sozio-ökonomischen Benachteiligung von MigrantInnen nicht ausreichend durch professionale Nachhilfe kompensiert werden können. Die Kooperation mit dem Verein Z'SAM, verantwortlich für die aufsuchende Jugendarbeit am Alsergrund, erleichtert den Zugang zu InteressentInnen und brachte der Initiative umgehend geeignete Räumlichkeiten.

Seit Herbst 2004 arbeitet die Projektgruppe Servitengasse 1938. Die Recherchen einer kleinen Gruppe aus dem Haus Servitengasse 6 galten den Geschichten der vertriebenen und ermordeten BewohnerInnen dieses Hauses. Mehr als die Hälfte der damals dreiundzwanzig Wohnparteien und fünf GeschäftsinhaberInnen waren Juden und Jüdinnen, neun Personen wurden in Konzentrationslager deportiert und ermordert. Der wahrscheinlich einzige noch lebende Vertriebene von 1938, heute 84 Jahre alt, hatte über die Israelitische Kultusgemeinde von den Recherchen erfahren und war über das Engagement der BürgerInnen erfreut. Er beschrieb auch sein eigene Geschichte, die ihn über New York nach San Francisco führte.

Nachdem Bemühungen eine Gedenktaftel am Haus zu affichieren von der Hausbesitzerin verhindert wurden, weitete die Gruppe ihre Forschungen zu einem Projektantrag aus, der Interessensradius wurde auch im Rahmen der AGENDA vergrößert, sodass die Projektgruppe mittlerweile aus zwanzig Personen besteht.

ALT.MACHT.NEU

In diesem ebenfalls aktive Projekt widmeten sich StudentInnen und BewohnerInnen des SeniorInnenwohnhauses Rossau/Seegasse Hindernissen im öffentlichen Raum. Nach einem Jahr gemeinsamen Unterwegsseins entwickelten sie einen Forderungskatalog, um allen BewohnerInnen einen barrierefreien Zugang zu Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten zu gewährleisten. Nunmehr wird im Rahmen des Agendaprozesses versucht, gemeinsam mit verschiedenen Betroffenengruppen an der Umsetzung zu arbeiten.

Die Zielorientierung dieser Gruppe entspricht dem Bedürfnis Interessen unterschiedlicher sozialer AkteurInnen zu bündeln. Allgemein partizipieren mehrheitlich VertreterInnen der Mittelschicht am AGENDA Modell, sozial Marginalisierte oder BewohnerInnen unter zwanzig Jahren können nur schwer erreicht werden. Die Gruppe der zwanzig bis vierzig Jährigen und jene zwischen vierzig und sechzig Jahren ist in etwa zu gleichen Teilen vertreten, ebenso ist das Geschlechterverhältnis nur leicht zu Gunsten der Frauen verschoben.

Im laufenden Jahr soll ein Jugendbezirksparlament gemeinsam mit den Wiener Jugendzentren und dem Verein Z'SAM organisiert werden, zudem wird auch der inhaltliche Austausch von Agendagruppen in den verschiedenen Bezirken intensiviert. Bildung und Öffentlichkeit werden so in Lern- und Handlungsprozesse integriert. Im Alsergrund trifft in regelmäßigen Abständen die Projekt- und Ideenwerkstatt zusammen, hier können sich Interessieret an bestehenden Projekten beteiligen oder neue Projektideen einbringen. (Heide Hammer)

Info
AGENDA 21 am Alsergrund.
Liechtensteinstraße 81/1/1
1090 Wien
Tel: 315 78 76

Ansichtssache Projektdokumentation

Link
Agenda 21 Alsergrund

Wissen
Agenda 21 ist eine überparteiliche Plattform für BürgerInnen-Beteiligung und nachhaltige Stadtentwicklung.

Buchtipp
Marc Diebäcker (Hg.):
Partizipative Stadtentwicklung und Agenda 21.
Diskurse - Methoden - Praxis.
Edition Volkshochschule, 2004

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