Kommentar der anderen: Österreicher als KZ-Schergen

1. Februar 2005, 21:00
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Nach dem Auschwitz-Gedenken nicht vergessen: Sobibor, Majdanek, Treblinka . . . - Von Gerald Stourzh

Die Konzentration auf den Symbolort und das Symbolwort Auschwitz darf uns nicht vergessen lassen, dass und wo es andere Orte der Vernichtung gab - ich nenne besonders Belzec, Sobibor, Majdanek und Treblinka - und dass gerade für diese Orte der Vernichtung zwei Österreicher besonders verantwortlich waren: Odilo Globocnik und Franz Stangl. Globocnik, 1904 in Triest geboren, war illegaler Nazi-Funktionär in Kärnten, Ende Mai 1938 wurde er zum Gauleiter von Wien ernannt, Ende Jänner 1939 wegen Devisenverschiebung amtsenthoben, dann von Himmler im November 1939 zum SS- und Polizeiführer Lublin ernannt. Globocnik war die Führungsperson der "Aktion Reinhard" - mit dem Ziel der Ausrottung des polnischen Judentums, benannt nach dem im Mai 1942 durch tschechische Widerstandskämpfer zu Tode gekommenen Reinhard Heydrich -, verantwortlich für die Errichtung der besonders angeführten Vernichtungslager. In diesen Lagern wurden zwischen Ende 1941 und Oktober 1943 nach vorsichtigen polnischen Schätzungen zwei Millionen Juden und 52.000 Sinti und Roma, nach anderen Schätzungen an die drei Millionen, getötet. Die den Umgebrachten abgenommenen Geldbeträge und Wertgegenstände wurden mit 178,7 Millionen Reichsmark beziffert.

Globocnik, der sich auch da bedient hatte, wurde ins adriatische Küstenland versetzt, am 31. Mai 1945 fiel er in Kärnten den Briten in die Hände, doch schluckte er sogleich eine Kapsel Zyankali. Franz Stangl, 1908 in Altmünster in Oberösterreich geboren, österreichischer Polizist, war ursprünglich kein Nazi, doch geriet er immer stärker in die Fänge des NS-Systems, wie die Schriftstellerin Gitta Sereny aufgezeigt hat. Er wurde als Polizeibeamter der Euthanasieaktion zugeteilt und tat zeitweise auf Schloss Hartheim Dienst. 1942 leitete er einige Monate das Vernichtungslager Sobibor und wurde im September 1942 mit der Leitung des größten Vernichtungslagers, Trebinka, betraut. Auch er wurde nach Ende der Aktion Reinhard nach Italien versetzt, fiel 1945 in die Hände der Amerikaner, die ihn an Österreich auslieferten.

Aus der Untersuchungshaft in Linz konnte er im Mai 1948 entkommen, floh nach Rom, wo ihm und seiner Familie der sich seiner Fluchthilfe für Nazis und Faschisten rühmende, aus der Steiermark stammende Bischof Alois Hudal einen Pass des Roten Kreuzes und ein Einreisevisum nach Syrien verschaffte. Von Syrien ging Stangl nach Brasilien, wo ihn Simon Wiesenthal 1967 aufspürte. 1970 wurde er in Düsseldorf der Beihilfe zum Mord am 900.000 Personen schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb an einem Herzinfarkt im Juni 1971.

Postskriptum: Diese Informationen sind innerhalb weniger Minuten erreichbar - etwa in Robert Wistrichs "Wer war wer im Dritten Reich" oder in den hervorragenden Arbeiten Gitta Serenis - , es geht nur darum, sie zum sinnvollen Zeitpunkt, und dieser war und ist gerade in diesen Tagen des "Gedankenjahres" gegeben, der Öffentlichkeit in Erinnerung zu bringen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2005)

Zur Person

Gerald Stourzh ist emeritierter Universitätsprofessor für Geschichte der Neuzeit in Wien.

  • Gerald Stourzh, Professor für Geschichte.
    foto: der standard/christian fischer

    Gerald Stourzh, Professor für Geschichte.

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