Kommentar der anderen: Staatsmythos im Umbau

1. Februar 2005, 21:00
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Die Jubiläumsfeiern des offiziellen Österreich verfolgen insbesondere einen höchst eigennützigen Zweck - Von Franz Schandl

Die vielen Jubiläumsfeiern des offiziellen Österreich im "Gedankenjahr" verfolgen insbesondere einen höchst eigennützigen Zweck: Die Vergangenheit wird so aufgearbeitet, dass sie zum Loblied der Gegenwart gerinnt.

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Es ist ein Ritual. Das offizielle Österreich inszeniert einmal mehr seine Historie, und das andere Österreich kritisiert Verdrängung und Heuchelei. Was die Streitparteien eint, ist eine Art Vergangenheitssucht, das Starren auf die Geschichte. Da werden historische Gefechte mit einer Aggressivität ausgefochten, die ihresgleichen sucht. Nicht über die Perspektive wird gestritten, sondern über die Retrospektive.

Ein Hang zur Nekrophilie zeichnet den öffentlichen Diskurs aus. Solche Feierlichkeiten sind dazu da, verbindende Mythen und Narrative zu überprüfen und abzusegnen, sie zu festigten, aber auch zu inaugurieren. Staatsjubiläen dienen der Selbstvergewisserung der nationalen Sache, sie sollen ganz spezifische Erinnerungen konstruieren und Standards vorgeben. Gedenken meint säkularisierte Andacht. Die Vergangenheit wird stets so aufgearbeitet, dass sie zum Loblied der Gegenwart gerinnt. Wobei die aktuellen Feiern sehr für den Eindruck im Ausland arrangiert erscheinen. Nach den Sanktionen will man der Europäischen Union zeigen: Schaut, wie lieb wir sind. Wir fallen aus keiner Rolle, wir beherrschen jede.

Jahrzehntelang wurde das Ende des Naziregimes als Niederlage empfunden, während die Unterzeichnung des Staatsvertrages zehn Jahre später als die eigentliche Befreiung galt. 1945 hatte man also verloren, 1955 gewonnen.

Böse Besatzer

Die bösen Geschichten über die Besatzungsmächte (vor allem die Sowjets) prägten Kriegs- und Wiederaufbaugeneration. Heute trägt dieser Konsens immer weniger, nicht weil er geistig und moralisch überwunden wäre, sondern weil seine volksgemeinschaftliche Aussagekraft im Schwinden begriffen ist.

Kaum eine Rolle im Staatstheater spielt die FPÖ. Haider zündelt, aber die Streichhölzer sind feucht. Wo sie sich völkisch geriert, vertritt sie im wahrsten Sinne des Wortes eine vorgestrige Sichtweise.

Die Forderung nach der "Aufarbeitung der Verbrechen der Besatzungsmächte" ist inzwischen ebenfalls ein Programm, für das sich nicht mobilisieren lässt. Die falsche Wärme des Landes hat sich abgekühlt. Das merken auch die Politiker der beiden Großparteien, daher gehen sie auf Distanz. Prototypisch dafür steht der Bund Sozialistischer Akademiker (BSA), der termingerecht eine Studie über seine braunen Flecken erstellen ließ. Vor Jahrzehnten wäre man dort mit einem solchen Ansinnen hochkantig hinausgeflogen. Dass der BSA Steigbügelhalter und Schutzmacht vieler Nazis nach 1945 gewesen ist, kann man nun leicht zugeben. Dass heute keine ehemaligen Mitglieder der NSDAP mehr protegiert werden müssen, ergibt sich rein aus Altersgründen. Nach der Versorgung steht nun die Entsorgung an. Die Kriegsgeneration stirbt aus, und ihre Nachrede wird zusehends schlechter. Hielt man den Großvätern einst die Stange, so putzt man sich nun an ihnen ab.

Die "österreichische Erfolgsgeschichte" versucht ein neues Kapitel aufzuschlagen. Man bemüht sich, die Befreiung des Landes von 1955 auf 1945 zurückzudatieren: "Vor 60 Jahren gab es den Triumph der rot-weiß-roten Fahne über das Hakenkreuz", sagt Bundespräsident Heinz Fischer (SPÖ). Hier wird ein neuer Mythos entworfen. Für 1945 bleibt festzuhalten, dass sich die allerwenigsten freuten. Das ist zwar traurig und zeigt das ganze Elend dieses nationalen Bewusstseins an, nur sollte dieser Umstand nicht umgedeutet werden.

Übles Märchen

Faktum ist, die allermeisten Österreicher wollten gar nicht befreit werden, sondern als Deutsche siegen. Die gerne betonte Vergewaltigung des armen Landes durch das Altreich, ist ein übles Märchen, auch wenn die Alliierten selbst es aus taktischen Gründen bedienten.

Ganz selbstkritisch gibt sich der Bundeskanzler: "Wir sprechen heute oft von der schleppenden Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die heutige Generation, die heutige Zeit versteht nicht leicht, warum vieles nicht von Anfang an klar und deutlich ausgesprochen wurde: die Taten der NS-Vertreibung, Enteignung, Ermordung jüdischer Bürger, aber auch von Kranken, Homosexuellen, von Roma und Sinti, von Menschen anderer politischer und religiöser Überzeugung, deren Wirken so viel zur Formung unseres Österreichtums beigetragen hat. Erst sehr spät ist es uns, nach ersten Anläufen in den frühen Jahren, gelungen, einen Beitrag zur Linderung seelischen und materiellen Leids zu leisten."

Man stelle sich nur vor, Schüssel oder Fischer hätten solch eine Rede 1959, 1969 oder 1979 gehalten. Der nasse Fetzen wäre ihnen sicher gewesen. Die angeführten politischen Konstellationen unterscheiden sich fundamental, aber beide Male reagierte man der Opportunität entsprechend. Die Integration in die Europäische Union bedingt eine andere Haltung als die Integration der Nazis in die junge Zweite Republik. Ähnlich banal ist auch die Begründung für die sehr späte "Wiedergutmachung". Je später, desto günstiger, vor allem finanziell. "Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen", sagte vor Jahrzehnten der damalige sozialdemokratische Innenminister Oskar Helmer. Nun ist diese Länge ausgereizt, das weiß man. Also zahlt man. Nicht gern, aber ohne lautes Granteln.

Bundeskanzler und Bundespräsident sind in ihrem Kurs jedenfalls sehr gut beraten, die Kronen Zeitung mag zwar kurz aufschreien und die FPÖ wird nicht mitmachen, aber wen kümmert das. Die Wehrmachtsangehörigen sind kein Stimmungsbarometer und ebenso wichtig: kein bedeutendes Stimmpotenzial mehr. Jetzt, wo dieser Antifaschismus kaum noch jemanden kratzt, kommt man ihm in Gesten und Worten großzügig entgegen. Alle Wehrmachtsurteile gegen Deserteure seien aufzuheben, verlangt etwa Heinz Fischer. Das wird in nicht so fernen Tagen über die politische Bühne gehen, die jüngsten Rehabilitierten werden dann wohl knapp über 80 sein. Aber besser spät als nie, werden sich jene denken, für die es 1946 nur eine Amnestie gegeben hat.

Freilich gibt es auch weiterhin große Tabus, eines betrifft den von der Sozialdemokratie kandidierten Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger (Amtszeit 1974-1986, verstorben 2000). Der hoch dekorierte Wehrmachts-Hauptmann befehligte noch in den letzten Kriegstagen in der Buckligen Welt einige hundert Wiener Neustädter Fahnenjunker, aber auch versprengte SS-Einheiten gegen die vorrückende Rote Armee. Doch auch eine Affäre Kirchschläger ist nur noch eine Frage der Zeit.

Österreich meint: Spätestens wenn alle zu Entschädigenden gestorben sind, wird man deren Rechte anerkennen und sie rehabilitieren. Jene, die vertrieben wurden und hier nicht zu Ehren kommen durften, erhalten nun als Wiedergutmachung ein Ehrengrab der Stadt Wien. Und dann werden sie immer Patrioten gewesen sein müssen. Ja, ich würde jede Wette darauf eingehen, dass den letzten noch lebenden Emigranten in einigen Jahren eine umfassende Entschuldigung der Republik zuteil wird: "Tut uns leid. War nicht so gemeint. Schaut's mal wieder vorbei. Wir zahlen den Aufenthalt." "Österreicher besuchen ihre Heimat: Spät, aber noch" lauten dann die Headlines. Wahrlich, das ist die Alpenrepublik in vollster Blüte, Motto: Aus der Vergangenheit lärmen!

Wusste man vor dreißig Jahren ehemalige Lagerinsassen hinter vorgehaltener Hand mit "Des is do a Kzler!", zu charakterisieren, so wird jetzt verordnet: "Wir alle sind Widerstand." Irgendwann wird einmal ganz Österreich im Widerstand gewesen sein. Die Nazis, das waren die Piefke. Was hier abläuft, ist, dass von der Abwehr auf die Vereinnahmung umgestellt wird. Zweifellos, der Staatsmythos ist im Umbau begriffen. Die Erzählungen konformieren sich, da mag die Kritik noch so oft Heuchelei schreien. Dem "anderen Österreich" wird der Stoff ausgehen, sobald der Staat Österreich ihn ihr abgesaugt hat. Die Kritiker werden eingemeindet, ideell wie reell. Die ausgleichende Groteske besteht in dem seltsamen Umstand, dass nun die Richtigen zur falschen Zeit gewinnen wie die Falschen zur richtigen Zeit gewonnen haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2005)

Zur Person

Franz Schandl ist Historiker und Publizist und lebt in Wien.

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