Uraufführungsleiden

3. Februar 2005, 12:05
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Tauziehen um das vom Burgtheater in Auftrag gegebene Stück: Der Autor nennt eigene Regie-Vorstellungen - Klaus Bachler winkt mit einem Namen: Claus Peymann

Wien - Seit rund zwei Spielzeiten wurden Saisonpressekonferenzen des Wiener Burgtheaters von einer einzigen, alle Denkwürdigkeiten und Vorkommnisse weithin überstrahlenden Frage beherrscht: Wie weit ist jenes Auftragswerk gediehen, an dem der Wiener Starautor Robert Menasse (letzter Roman: Die Vertreibung aus der Hölle) im Auftrag Klaus Bachlers unermüdlich feilt und schmirgelt?

Allzu ungeduldige Frager pflegte der Burg-Chef zu vertrösten: Es werde kein Theaterstück Menasses Werkstatt verlassen, das nicht von der Dramaturgie auf Punkt und Komma auf seine Bühnentauglichkeit hin geprüft - und für gut befunden - worden sei. Woraus sich messerscharf schließen ließ: Menasse war zu Überarbeitungssitzungen gebeten worden.

Nun lichten sich die Nebel: Menasse hat das Schicksal von Das Paradies der Unabhängigen, so der Titel eines mit Allegorien reich verzierten Schlüsseltexts über die Befindlichkeit eines republikanischen Gemeinwesens im Jahr seiner mit Pomp und Gloria angebahnten Gedankenfeierlichkeiten, vorderhand an seine Wahl der Uraufführungsregie geknüpft.

Nach Konsum von Sabine Mittereckers in der Tat beispielhaft gedankenvoller Thomas-Bernhard-Inszenierung von Heldenplatz in den Kammerspielen des Linzer Landestheaters - DER STANDARD berichtete - fiel seine Wahl auf die aus Böheimkirchen/NÖ stammende, in Wien lebende und arbeitende Regisseurin.

Mitterecker: "Ein schwieriger, mäandernder Text, in dem das Kasperltheater dicht neben der Überhöhung, das Zeitstück neben der Befindlichkeitsstudie zu liegen kommt. Menasse schildert darin ein mögliches Attentat auf Haider - dies aber alles sehr verbrämt. Ihm geht es in Wahrheit um die Darstellung der Aushöhlung unserer Demokratieformen. Entsprechend verhält es sich mit dem Formenschatz, den er heranzieht: Neben dem dialogischen Klipp-Klapp des ,well-made play' finden sich zuhauf Anspielungen, etwa auf einen sehr real existierenden Kulturstaatssekretär." Die unter so glückhaften Umständen zustande gekommene Künstlerbeziehung Menasse-Mitterecker scheint nun ernsthaft auf die Probe gestellt. Menasse versuchte unverzüglich, den Burgdirektor von Mittereckers Qualitäten zu überzeugen. Tatsächlich reiste Klaus Bachler vergangene Woche unter Bedeckung seiner Entourage in die Stahlstadt, um sich mit eigenen Augen von der Güte der Mitterecker-Inszenierung zu überzeugen.

Eine Verständigung über die tatsächliche Auswahl der Uraufführungsregisseurin stand gestern - zu Redaktionsschluss - noch aus: Die Burg lockte ihrerseits mit dem Vorschlag, niemand Geringerer als Claus Peymann solle Das Paradies inszenieren. Menasse selbst nennt auf Nachfrage "Bemühungen" des Rechteinhabers Suhrkamp, das Projekt bestmöglich zu vermarkten - was wohl nur bedeuten kann, an Peymann die Uraufführungskrone weiterzureichen. Von Mitterecker wolle er, Menasse, freilich nicht lassen. Die Sache erscheint, je nach Blickwinkel, nun einigermaßen prekär: Burgdirektor Bachler nannte jüngst, nach anstehenden Uraufführungsprojekten befragt, Stückaufträge an Gert Jonke und Franzobel - kein Wort von Menasse und dessen Paradies. Der Autor hat das Stück in weiser Vorausschau auf 2005 geschrieben - eine Uraufführung dürfte aber selbst 2005/ 06 (noch) nicht stattfinden. Menasse: "Das eine ist, was ich, als Autor, mir wünschen würde. Etwas anderes ist es, was schließlich zustande kommt. Und endlich gibt es auch Möglichkeiten jenseits der Burg. Das sage ich, ohne irgendetwas zu präjudizieren." (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 2. 2005)

  • Artikelbild
    foto: standard/christian fischer
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