"Die äußerste Dehumanisierung der menschlichen Gesellschaft"

1. Februar 2005, 20:36
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Einzigartig - oder doch mit dem Kommunismus vergleichbar? - Teil 6

Völkermord ist kein Phänomen des 20. Jahrhunderts, wenngleich es mit zwei Genoziden begonnen hat (an den afrikanischen Hereros durch die Deutschen und den Armeniern durch die Türken). Jedoch wird nur der Holocaust im Urteil der allermeisten seriösen Historiker, Experten, Philosophen und auch in der großen gesellschaftlichen Übereinkunft als singuläres Menschheitsverbrechen gesehen.

Lässt man in Deutschland und Österreich die strafrechtlich relevanten Geschichtslügen beiseite, so gibt es auch hier eine sich seriös gebende Argumentation, die die Verbrechen des Nationalsozialismus und des Kommunismus miteinander vergleicht und auch gleichsetzt als Massenverbrechen totalitärer Systeme des 20. Jahrhunderts.

Der französische Autor Stéphane Courtois hat 1997 ein "Schwarzbuch des Kommunismus" herausgegeben, in dem für die Opfer des Kommunismus rund 100, für die des Nationalsozialismus rund 25 Millionen Tote ansetzt. Letztere Zahl ist zu niedrig, denn allein in der Sowjetunion hat das Hitler-Regime rund 15 Millionen Ziviltote zu verantworten. Dennoch ist die Zahl der Opfer des Kommunismus größer, einfach, weil seine Verbrechen in einer ungleich längeren Zeitspanne und in einem weit größeren geographischen Raum stattfanden. Auf gleich lange Perioden und auf einen gleich großen Raum umgerechnet, überstieg der braune den roten Terror beträchtlich.

Nun wird aber häufig die Ähnlichkeit der beiden totalitären, auf radikale "Säuberung" ausgerichteten Systeme ins Treffen geführt. Der Nationalsozialismus habe eben den "Rassenfeind" ausrotten wollen, der Kommunismus den "Klassenfeind" lautet daher ein beliebtes Argument. Die Morde seien einander daher wesensgleich. Doch das hält der historischen Untersuchung nicht stand. Der Kommunismus, vor allem der Stalinismus, richtete sich gegen jedermann, routinemäßig auch gegen die eigenen Eliten (Militärs, hohe Parteifunktionäre).

Der stalinistische Terror war vor allem nach innen gerichtet und mindestens sosehr Herrschaftssicherung wie eine Ideologie. Der Nationalsozialismus hingegen richtete seine gesamte Vernichtungsenergie nach außen, auf bestimmte, genau definierte Gruppen. Vor allem aber, und das ist die Einzigartigkeit des Holocaust auch innerhalb der völkermörderischen Taten des NS-Regimes, gab es zwei Gruppen, die total, bis zum letzten Mann, Frau und Kind ausgelöscht werden sollten, die Juden und die Zigeuner.

Stalin, Mao und Pol Pot wollten dezimieren, "säubern", einen "neuen Menschen" schaffen; aber sie wollten nicht ein ganzes Volk "von der Erde verschwinden lassen" (Himm- ler) wie die Nationalsozialisten. Das entlastet sie moralisch überhaupt nicht, aber es macht den Holocaust unvergleichlich. "Der Mord an den Juden ist singulär zu nennen", schreibt der Soziologe und Historiker Gerd Koenen, "weil es der radikalste jemals unternommene Versuch war, einen perfekten, möglichst lückenlosen und geräuschlosen Genozid zu vollbringen. Als solcher war er ein Extrem, ein Äußerstes in der Dehumanisierung menschlicher Gesellschaft überhaupt . . ." (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2005)

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