Krebs kann nun ausgehungert werden

3. Februar 2005, 15:24
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Erstmals Arznei am Markt, die Wachstum von Tumoren blockiert - Experten sprechen von "Meilenstein in der Krebsbehandlung" - Mit Infografik

Wien - Die jahrelange Forschung hat sich gelohnt, die Theorie wurde Realität: "Das ist wirklich ein Meilenstein in der Krebsbehandlung", kommentierte Dienstag Christoph Zielinski, Vorstand der Wiener Uniklinik für Innere Medizin und Leiter der klinischen Abteilung für Onkologie, die EU-weite Zulassung eines neuen Medikaments: Weltweit zum ersten Mal steht Patienten eine Arznei zur Verfügung, die Tumoren daran hindert, für ihr Wachstum wichtige Blutgefäße auszubilden. Dadurch wird dem Krebs die Nahrungszufuhr abgeschnitten, er wird ausgehungert.

Vorerst für Dickdarmkrebs-Behandlung

Das von Roche entwickelte Avastin ist vorerst nur für die Behandlung von Dickdarmkrebs zugelassen. Doch sei laut Zielinski bald mit der Zulassung für weitere Tumoren wie Nieren-, Brust-, Lungen-, Eierstock und Bauchspeicheldrüsenkrebs zu rechnen. Was Dienstag in Wien als "Beginn einer neuen Ära" präsentiert wurde, hatte vor gut 33 Jahren als Lachnummer begonnen.

Judah Folkman von der Harvard Medical School in Boston stellte 1971 folgende Theorie auf: Alles, was schnell wächst, braucht viel Nahrung. Auch der Krebs. Um sich diese zu verschaffen, muss der Tumor Gefäße ausbilden (Angiogenese). Gelänge es, die Angiogenese zu hemmen, setzte man den Krebs auf eine tödliche Diät. Damals waren Spott und Hohn weltweite Reaktionen.

Doch Folkman forschte unbeirrt an seinen Mäusen und fand bei ihnen zwei natürliche Proteine, die das Gefäßwachstum tatsächlich blockieren: Endostatin und Angiostatin. 1998 hungerte er mit diesen bei seinen Mäusen Krebse von einer Größe aus, die einem Kilo schweren Tumor bei Menschen entsprochen hätten. Die Lacher verstummten und die New York Times prophezeite auf ihrer ersten Seite: "Krebs in einem Jahr heilbar". Medien in aller Welt schrieben diese Schlagzeile ab. Doch die vermeintliche Sensation und die in tausenden Patienten geweckte Hoffnung platzte wenig später: Die Ergebnisse ließen sich nicht reproduzieren. Dennoch wurde dieses Gebiet nun von vielen Wissenschaftern intensiv beforscht, ein Jahr später wurden auch schon die ersten - reproduzierbaren - Erfolge publiziert.

Schließlich wurden leichter herzustellende synthetische Alternativen zu den natürlichen Angiogenese-Hemmern entwickelt und Tests an Menschen gestartet. Avastin machte nun als erste Arznei das Rennen: Es setzt sich auf den von Tumoren gebildeten "vaskulären endothelialen Wachstumsfaktor" (VEGF). Dieses Protein wird vom Krebs in das bestehende Blutgefäßsystem geschickt, wo es an Zellen andockt und diese zur Bildung neuer, den Tumor versorgende Gefäße stimuliert. Avastin verhindert das. (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2005)

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