Tod in Stein: Massive Ungereimtheiten

4. Februar 2005, 16:21
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Grüne orten Mängel bei Gutachten - im Justizministerium versteht man die Aufregung nicht - das Verfahren soll eingestellt werden

Wien – 37 Jahre alt war Edwin N., als er am 19. August 2004 in der Justizanstalt Stein starb. Todesursache laut Justizministerium: Herz-Kreislauf- Versagen. Eine Diagnose, die der stellvertretende Klubobmann der Grünen, Karl Öllinger, anzweifelt. Er ortet massive Ungereimtheiten rund um den Tod des Nigerianers und überlegt eine Anzeige gegen unbekannt, wie er am Dienstag bei einer Pressekonferenz ankündigte.

Pfefferspray vor Tränrengas

Sicher ist nur, dass der Häftling im vergangenen Sommer auf dem Rückweg in seine Zelle zu toben begann und mit einem Messer einen Mitgefangenen und Justizwachebeamte attackierte. Die Beamten setzten zunächst Pfefferspray ein, schließlich auch Tränengas. Dann wurde der Mann überwältigt und in eine Zelle gebracht, wo ihm eine Beruhigungsspritze verabreicht wurde. Er kollabierte, die Anstaltsärztin konnte ihn zwar noch wiederbeleben, bevor der Notarzt eintraf blieb sein Herz aber neuerlich stehen, um 11.15 Uhr starb Edwin N. Für Öllinger gibt es aber eine Reihe ungeklärter Fragen.

Vor allem beim gerichtsmedizinischen Gutachten, das vom mittlerweile abgesetzten Leiter der Wiener Gerichtsmedizin, Manfred Hochmeister erstellt wurde. Neben einigen Widersprüchen bezüglich der Verletzungen bemängelt Öllinger vor allem, dass Hochmeister zu wenig auf den Tränengaseinsatz eingegangen sei.

Denn „eine todesursächliche Wirkung von Pfefferspray oder Tränengas kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden“, steht in der Expertise.

Tränengasgehalt

Die Begründung: Weder auf der Haut noch in der Lungenluft des Toten seien die Wirkstoffe nachgewiesen worden. Was Öllinger nicht verwundert: „Auf der Haut wird sich ein Gas nicht lange nachweisen lassen, und in der Lungenluft wird nach zweimaliger Reanimation auch nichts mehr zu finden sein.“ Hochmeister habe es aber verabsäumt, den Tränengasgehalt in der Zelle zu messen, die er, wie der Mediziner selbst in seinem Gutachten schreibt, auch sieben Stunden nach dem Vorfall „wegen der noch immer vorhandenen Tränengasrückstände“ nicht inspizieren konnte.

Seit den 60er-Jahren sei aber bekannt, das das in Stein verwendete so genannte CNGas beim Einsatz in geschlossenen Räumen zu tödlichen Lungenschäden führen kann, betont der Grünen-Politiker. Auch ein österreichischer Pathologe, der anonym bleiben wolle, habe ihm die Gefahr durch CN-Gas bestätigt. Neben einer parlamentarischen Anfrage an Justizministerin Karin Miklautsch (FP) überlegt Öllinger auch eine Anzeige, um die Hintergründe des Falls klären zu lassen.

Im Justizressort bleibt man dagegen gelassen: „Das Gutachten ist hieb- und stichfest“, betonte Sprecher Martin Standl. Das Verfahren werde „wohl demnächst eingestellt werden.“ (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 02.02.2005)

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    Der Tod eines Häftlings im vergangenen August in der Strafanstalt Stein sorgt weiter für Aufregung: Die Grünen orten Mängel beim gerichtsmedizinischen Gutachten

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