Hilfe nach dem Trauma der Frühgeburt

17. Juli 2006, 16:40
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Im Baby-Care-Zentrum des Preyer'schen Kinderspitales wird Hilfe angeboten. Eine wichtige Ergänzung zur neu eingerichteten Frühgeborenen-Station.

Wien - Siddhartha kugelt genüsslich gemeinsam mit seiner Mutter, der Krankenschwester Gerlinde Edelhofer und Dr. Katharina Kruppa auf der Matratze herum. Eine Socke wird ihm angezogen - die ist noch um einiges kleiner als Babysocken sonst winzig sind.

Siddhartha bekommt ein Lätzchen umgebunden, während seine Mutter mit Kruppa den noch ungewohnten Alltag bespricht. Im Hintergrund steht auch eine Kamera bereit. So können die Gespräche und Interaktionen mit dem Kind aufgenommen und auch später noch analysiert werden. Oder die Mitarbeiter der Baby-Care-Ambulanz erarbeiten ein Feedback zu ihrer Arbeit.

Dramatische Zeiten

"Die beiden sind ausgesprochen tapfer", stellt Kruppa fest. Denn Baby und Mutter haben ausgesprochen dramatische Zeiten hinter sich. Erst musste sie praktisch die ganze Schwangerschaft liegen, um das kleine Leben nicht zu verlieren. Dann kam Siddhartha bereits in der 27. Woche auf die Welt - das war vor zwei Monaten. Jetzt besuchen die beiden die Baby-Care-Ambulanz im Preyer'schen Kinderspital, die bei Ernährungs-, Still-, Schrei- und Schlafproblematik im ersten Lebensjahr Hilfe anbietet.

Eltern-Kind-Magnetismus

"Meist geht es nach derartigen Erlebnissen darum, dass Mutter und Kind wieder Kontakt zueinander finden", erläutert Katharina Kruppa. Deshalb sei sie auch meist am Boden, auf einer Ebene mit dem Baby. Und sie arbeite auch grundsätzlich nur gemeinsam mit Baby und Eltern. "Babys und Mütter sind ja an sich wie Magneten, die sich unausweichlich anziehen. Man muss nur aufarbeiten und wegräumen, was zwischen ihnen liegt, dann finden sie automatisch wieder zueinander", erläutert Kruppa, die nicht nur Kinderärztin, sondern auch ausgebildete Psychotherapeutin ist.

Nach drei Jahren Aufbauarbeit der Baby-Care-Ambulanz ist es nun gelungen, den wichtigsten "Partner" im Haus in direkte räumliche Nähe zu bringen: Die Frühgeborenen-Station ist nun in die benachbarten, ehemaligen Räume der Chirurgie übersiedelt. Jetzt ist in der Frühgeborenen-Station endlich auch Platz für zusätzliche Einrichtungen. Wie das Stillzimmer, in das sich Eltern, Babys und ihre Betreuer zurückziehen können und in intimer Atmosphäre den ersten Hautkontakt aufnehmen können.

Bauch an Bauch

"Halten Sie das Baby so, Bauch an Bauch", werden einer Mutter gerade die ersten Schritte zum Stillen erklärt. Auch können jetzt drei Mutter-Kind-Zimmer angeboten werden. Die kleinsten Frühgeborenen, die hier betreut werden, kommen meist aus dem AKH. Manchmal nur 600, 800 Gramm schwer. Auch Frühgeborene aus dem Kaiser Franz Joseph-, dem St.-Josef-Spital und aus Lainz werden hier die ersten Monate betreut. Solange sie noch sehr klein sind oder an Infektionen oder an Atemproblemen laborieren. "Eine Situation, wo es naturgemäß sehr viel an Nähe zwischen Vater, Mutter und dem Kind fehlt", erläutert Kruppa. "Wir bemühen uns dann im Anschluss um das Rebounding", die neuen Kontaktaufnahme.

"Es geht immer"

Die wichtigsten Leitmotive dabei: Kruppa geht "grundsätzlich von einem gesunden Mutter-Kind-Bild aus. Vieles wird ohnehin mit Instinkt gelöst." Und: "Was auch immer war, was immer an traumatischen Erfahrungen hängen blieb - es geht immer, es ist nie zu spät." Wobei man hier in der Baby-Care-Ambulanz ohnehin eher präventiv arbeiten könne. "In diesem Stadium ist ja alles noch frisch, da ist noch nichts verhärtet." Siddhartha und seine Mutter haben jedenfalls schon einiges verarbeitet. Sie genießen den Tag. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 02.02.2005)

Buchtipp

"Babys wissen, was sie brauchen"
von Katharina Kruppa und Astrid Holubowsky
Herder-Verlag
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