Für alle Fälle Arabella

23. Februar 2005, 13:46
5 Postings

Österreich heute: Eine (ORF-)Szenenfolge - Beweisen denn nicht großzügig eingeblendete Coverstorys von "News" und "TV Media" ...

Verklärung dessen, was und vor allem wie's einmal war; Unklarheit darüber, was gerade ist, warum, und vor allem, wie das aussehen soll: Das alte österreichische Leiden - es steigert sich im Superjahr der Staatsjubiläen geradezu zum Schüttelfrost zwischen bedeutungsvoller Vergangenheitsdebatte und gedankenloser Inszenierung von "Ereignissen".

Das hat vielleicht auch mit kommenden Wahlkämpfen zu tun. Im Prinzip offenbart die ganze "Gedankenjahr"-Inszenierung aber weniger (partei-)politisches Kalkül oder gar ein seriöses historisches Interesse als vielmehr jene altvertrauten medialen Netzwerke und Vermittlungsmuster, die immer neue Höhepunkte kalkulierter Euphorie zeitigen. Sprechen wir also etwa über den ORF, der heuer 50 Jahre Fernsehen feiert.

Wie schrieben wir kürzlich unter dem lähmenden Eindruck des Gedankenjahr-Event-Projekts 25 peaces (Stichwort: Bombennacht als Ton-Licht-Installation): Unglaublich, was man der heimischen Öffentlichkeit alles hineindrücken kann. Wie man ihr das alles hineindrückt, führte am Montagabend der Treffpunkt Kultur vor:

a) Man ließ den 25-peaces-Macher Wolfgang Lorenz zu Wort kommen, erwähnte b) die seit Längerem aufgeflammte Kritik an dessen Großevents mit keiner Silbe, und war c) denkwürdig sparsam mit Infos über Lorenz' leitende Position im ORF. In weiterer Folge hielt sich live im Studio auch der Kabarettist Alfred Dorfer mit Einwänden durchaus zurück. Kein Wunder, er wurde ja seinerseits am Küniglberg ebenfalls mit einer Jubiläums-Serie betraut, aus der prompt erste heitere Ausschnitte gezeigt wurden. Genug gesehen und gehört? Nein. Im selben Treffpunkt berichtete man dann noch ausführlich über eine (geplante) Staatsvertragsausstellung im Belvedere - so, als würde diese Ausstellung nicht erst am 16. Mai, sondern schon am kommenden Wochenende beginnen - quasi unter dem Motto: Das ist monumental, äh, wird wahrscheinlich monumental werden, egal, wir spielen ja jetzt schon 2005 - Das Jahr in dem wir erneut Kontakt mit Rot-Weiß-Rot aufnahmen.

(Es ist wohl müßig, hinzuzufügen, dass viele Printmedien bei diesem staatstragenden Ankündigungs-und Verkündigungs-Spiel geradezu leidenschaftlich mitmachten.)

Man könnte angesichts dieses endlosen Ankündigungstrailers nun ein wenig belustigt fragen, ob uns da nicht ein Remake von Wolfgang Liebeneiners 1. April 2000 (Höhepunkt: UFOs über Schloss Schönbrunn) erwartet. Aber nein, nur keine Witze, die Sache ist ernst. Wie ernst wir hierzulande Zustände nehmen, die de facto die Schwelle zur Lächerlichkeit längst überschritten haben, zeigte am selben Abend im Staatsfernsehen auch ein ausführliches Special über die Moderatorin des Opernballs, Arabella Kiesbauer.

Seither wissen wir, dass ihr Ballkleid neun Kilo wiegt; dass sie, (selten aber doch) konfrontiert mit Kritik, dieselbe am liebsten in den eigenen vier Wänden verarbeitet; dass ihre Oma der wichtigste Mensch für sie ist, und überhaupt.

All dies, bitte, hochseriös dargelegt im ORF-Magazin Thema - so als wäre Kiesbauers private Befindlichkeit auch nur annähernd so bedeutsam wie der in derselben Sendung abgehandelte 10. Jahrestag des Bombenanschlags in Oberwart oder fatale chirurgische Kunstfehler.

Beweisen denn nicht auch mehrere, großzügig eingeblendete Coverstorys von News und TV-Media, wie wichtig Arabella Kiesbauer in und für Österreich ist? Sprach sie uns nicht allen aus dem Herzen, als sie in einer (wohl nur von humorlosen Puristen belächelten) Austropop-Show Rainhard Fendrichs I am from Austria quasi zur zweiten Bundeshymne kürte? Arbeitet sie nicht doppelt und dreifach so hart wie unser aller bedeutsamste Charity-Lady Jeannine Schiller? Letztere löste Sonntagabend in der Sendung Offen gesagt zum Thema "Seitenblicke-Gesellschaft" mit Schilderungen ihres Einsatzes für das heimische Gesellschaftsleben auch bei Alfons Haider sichtlich Schwindelgefühle aus - so lange, bis selbst der Medienpsychologe Peter Vitouch zugab, dass "parasoziale" Kontakte manchmal ganz gut tun.

Staatsvertrag feiern: Schön und gut. Vergangenheit bewältigen: Immer wichtig. Sollte man angesichts solcher Szenen jedoch nicht viel eher die ungeschriebenen Gesellschaftsverträge der Gegenwart hinterfragen? Jene Chauvinismen und Betriebsblindheiten, in denen - jenseits auch von Pro und Contra Schwarzblau - die österreichische Seele de facto zeitlos fröhliche Urständ' feiert?

Material dafür liefert unser aller Staatsfernsehen in Hülle und Fülle: Man analysiere nur, was derzeit Robert Seeger und Armin Assinger in Sachen "Skination" bis hin zu heiterer Italien-Beschimpfung aufführen, während im schütter besetzten WM-Stadion zu Bormio deutlich wird, dass das hier zelebrierte Gefühl von "Weltspitze" einen sehr beschränkten Horizont voraussetzt. Stolz und bedeutungsvoll führt man ihn vor, wie Arabella Kiesbauer ihr Neun-Kilo-Kleid .... (Claus Philipp/DER STANDARD; Printausgabe, 2.2.2005)

  • Opernball- Moderatoren: Arabella Kiesbauer und Alfons Haider
    foto: orf/schafler

    Opernball- Moderatoren: Arabella Kiesbauer und Alfons Haider

Share if you care.