Kritischer Journalismus bringt Narben

16. Februar 2005, 13:36
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Unabhängige Berichterstattung braucht Mut - nicht nur in Ukraine und Moldawien

Was bedeutet unabhängiger Journalismus in der Ukraine? Was in Moldawien? Vor allem "Courage und Mut", sagt Andriy Shevchenko. Der ukrainische TV-Journalist erhielt Montagabend einen von drei Press Freedom Awards der Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen, Sektion Österreich.

Mut brauchte etwa Preisträgerin Alina Anghel aus Moldawien, als sie den Artikel "Luxus im Land der Armut" veröffentlichte. Das Thema: Welche privaten Konzerne welchem Minister welche feinen Autos zur Verfügung stellen.

Anghels Unterarm trägt heute eine deutlich sichtbare Narbe. Ihrem Artikel folgten monatelange telefonische Drohungen, das Land zu verlassen, nicht weiter zu schreiben. Dann drohte die Stimme mit einer Attacke, der Auftrag komme aus dem Umfeld der moldawischen Regierung. Wenig später schlugen sie zwei Unbekannte auf der Straße zusammen. Daher die Narbe.

Gewalt gegen kritische Journalisten kennt auch die Ukraine, erinnert Erhard Stackl. Der Chef vom Dienst des STANDARD moderiert Montagabend eine Diskussion mit zwei der drei Preisträger im Wiener Haus der Musik.

Stackl verweist auf Georgi Gongadse. Der 31-jähriger Chef der Internetzeitung "Ukrayinska Pravda" hatte über Korruption in der ukrainischen Regierung recherchiert. Ende 2000 fand man seine Leiche in einem Wald bei Kiew - ohne Kopf. Später drangen Tonbänder an die Öffentlichkeit, auf denen Präsident Leonid Kutschma mit Vertrauten darüber sprach, wie man Gongadse loswerden könnte.

Es ist noch nicht lange her, dass ein Journalist im Osten der Ukraine auf den Stufen zu seiner Redaktion mit Baseballschlägern totgeschlagen wurde, ergänzt Shevchenko.

Mut braucht es aber nicht nur ob physischer Gewalt gegen Journalisten, sagt der 28-jährige Ukrainer. Über die orangefarbene Revolution in seinem Land vor wenigen Wochen berichtete im Fernsehen anfangs nur Kanal 5, für den er arbeitet. Die übrigen Kanäle hielten sich an die amtlichen Anweisungen, mit welchem Material welche Themen wie kommentiert in den Nachrichten vorzukommen hatten. Erst schrittweise trauten sie sich mitzuziehen.

Der neuen ukrainischen Regierung steht der Eigentümer von Kanal 5 so nahe, dass er fast Premier geworden wäre. Shevchenko versichert, dass seinem Team Unabhängigkeit auch von den neuen Machthabern garantiert sei.

Die Zeitung, die Anghels Korruptionsberichte veröffentlichte, existiert nicht mehr: Wegen - in Moldawien nach oben offenen - horrenden Strafsummen musste sie geschlossen und unter neuem Namen gegründet werden. Anghel geht nun für ein Jahr nach Hamburg, eine Art politisches Asyl. (fid/DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2005)

  • Preisträgerin Alina Anghel aus Moldawien.
    foto: der standard

    Preisträgerin Alina Anghel aus Moldawien.

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